Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. Juni 1934 (Berlin, Postkarte)


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<Poststempel: 12.6.34>
Marja hat den Schnupfen und ist "ein bißchen krank", was sie gern hat. Nach dem Abendbrot suche ich eine Ballade vom Kaiser Rudolf ¹), die ich nicht finde, bekomme stattdessen Hebbels Gedichte in die Hand und blättere interessiert darin, wobei sie unnötiger Weise gespannt mit einsieht. Schließlich lese ich zufällig und laut:
Hat Dir der Tag was gebracht? So fragt sich am Abend der Jüngling;
Hat Dir der Tag was geraubt? Fragt sich der Mann und der Greis.
Marja hört und ist plötzlich ganz still und denkt sichtbar, was immer so niedlich ist. Aber ihr Blick wird immer erschreckter, und Tränen wollen kommen. Ich bin auch still. Endlich fragt sie gequält: Was meint er denn damit? - Ich erwidere, indem ich sie liebkose: Das braucht man so früh nicht zu wissen. Und da ist sie beruhigt. Das habe ich schon manchmal beobachtet.
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Sie ist immer heiter und ganz kindlich - heut erst waren die Puppen im Garten und gestern wurden mir im Bett Puh u. Äffi etc. vorgestellt und ich soll wieder was vorlesen, aber was Lustiges auf Berlinisch. Aber dann guckt ebenso die ganze metaphysische Tiefe durch - besonders wenn von Müttern die Rede ist, - und sie versteht, sie ahnt alles. Deshalb ist sie so ein Sonnenstrahl, der Mensch, wie er sein sollte. Das macht so glücklich. Und dann bin ich ganz weich zu ihr u. sie spürt, daß wir uns verstehen.
[] ¹) Bei Betrachtung Deiner lieben Karte