Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26./27. Juni 1934 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, 26. Juni 1934.
Mein innig Geliebtes!
Dies wird noch eine Art von Brief. Von heut bis zum 23. Juli scheint jeder Tag und jede Stunde mehrfach besetzt. Also noch einen kurzen Bericht:
Seit heut steht das Ende einer langen und schmerzlichen Illusion fest: Zs. Geburtstagsbrief berichtet, daß man sich anders entschieden habe. Dies könnte eine Befreiung sein, wenn gewisse neueste schwerwiegende Symptome wirklich etwas bedeuten. Man spricht hier ganz offen von Kabinettskrise. Venedig scheint völliger Mißerfolg gewesen zu sein. Andererseits privatim: in meinem Seminar ist ein Stoßtrupp aktiv geworden. Ich habe ihn ernst genommen und mich 1½ Stunden eingehend mit ihm unterhalten. Aber es ist einfach ein schmählich getarnter Störungsversuch, und ich werde von jetzt an die Lage als Kampfsituation behandeln und durchhalten. Ein griechischer Gymnasial
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|direktor, der am Seminar teilnimmt, schrieb mir einen feinfühligen Brief mit dem Ausdruck des Bedauerns über das Bild deutscher Jugend, das er erhalten hat. In der Diskussion selbst ging ein Österreicher zum schärfsten Angriff vor, so daß ich für seine Sicherheit fürchte. Formell und sachlich behielt ich natürlich die Führung. Aber so steht es.
Und der jetzige Direktor des Provinzial-Schulkollegiums hat öffentlich Kerschensteiner und mich als "Bürgerliche Marxisten" bezeichnet. Wenn ich nur wüßte, was das ist.
Am Freitag Abend nach dem Seminar noch 2 Verpflichtungen: eine am Zo, die andre am Kupfergraben. Am 2. u. 3. Juli je 4 Stunden Staatsprüfungen mit Bäumler, ein gräßlicher Gedanke. Vermutlich am 5. u. 6. Danzig - aber wann soll ich die Vorträge machen? Sie sind nicht nur schwer, sondern inhaltlich geradezu eine unlösbare Aufgabe. Zum 19. muß dann der Akademievortrag gemacht werden, am gleichen Tage aber ist letzer Doktorprüfungstermin mit mindestens 15 Kandidaten.
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| Wer soll das überleben.
Schlimmer als die schreckliche Arbeitslast - ich arbeite eben für Maier und Dessoir mit - ist die "innere Unmöglichkeit". Nach dem Scheitern von Z muß ich, wenn alles so bleibt, doch ernsthaft einen Berufswechsel ins Auge fassen. Denn wider das Gewissen zu handeln ist beschwerlich und gefährlich.
Aber der Juli wird im Großen wichtigere und schlimmere Entscheidungen bringen.
Ich war am letzten Freitag nach dem Großkampftag im Seminar zum Fest des 90. Geburtstags von Exc. v. d. Leyen. Dort traf ich alte Minister und Beamte - überall dieselbe bange Frage, dieselbe Beurteilung. In der heutigen Oesterreichaktion in Berlin liegt m. E. sogar Kriegsgefahr. Louvaris, reist in Oesterreich und ist bald hier zu erwarten. Wann soll ich Zeit für ihn haben? Am besten macht man sich kaputt.
Marja war die ganze vorige Woche krank und hat weder Kraft noch Lust, wieder in die Schule zu gehen. Soweit es
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| sich hier um eine noblesse handelt, habe ich wenig Neigung, das System zu unterstützen. Sie wächst doch schließlich in eine harte Welt hinein.
Der einzige positive Posten, über den ich berichten kann, ist der starke und regelmäßige Besuch der (gewagten) Metaphysik. Die andere Vorlesung, von Anfang an schwächer besucht, bleibt relativ auch auf erträglicher Höhe (250.) Gestern war Niemeyer hier. Man muß hören, was er vom Buchhandel erzählt, um die geistige und wirtschaftl. Lage zu begreifen. Schmitt-Ott ist vom Präsidium der Notgemeinschaft zurückgetreten (worden). Überall geballte Fäuste in der Tasche. Aber die Taschen sind weit und zahlreich und verborgen. Hat man diese allgemeine Götterdämmerung der Kultur verschuldet - oder trifft sie nur auf uns - jedenfalls ist sie da, und in Jahrzehnten mühsam Aufgebautes zerbricht unter der Parole der Erneuerung.
Gute Nacht
E.

27.6.
Dein lieber Brief ist da; - das Buch im Augenblick noch nicht. Aber die Nähe Deines Wortes bleibt das Liebste. - Es war ja heut ein ganz anderer Geburtstagsempfang als sonst - mit Marja, die ich Dir nun endlich in 2 - nur mäßig gelungenen Bildern vorstelle. Aber es bleibt in mir ein tief wehes Gefühl; es ist eben doch in diesem Jahr etwas kaputt geschlagen in mir; ich komme noch nicht zu "Kraft und Freude." Die Geschwister Gobisch warnen mich auf Grund ihrer astrologischen Wissenschaft vor Gefahren im Juli und Dezember 2. Hälfte, als ob nicht immer Gefahr wäre und als ob die Gefahr zu meiden wäre, die aus innerem Müssen folgt. Es ist so dunkel in Deutschland wie nie.
Ein halbes Hundert Briefe ist schon da. Ich habe sie rasch durchgeflogen, muß nun aber an die Arbeit. Verzeih, wenn ich abbreche und habe innigen Dank für Deine Liebe, Deine Güte.   Stets Dein
Eduard.