Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. Juli 1934 (Berlin)


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7.7.34.
Mein innig Geliebtes!
Diesen Sonnabend habe ich mit genauer Not erreicht. Die Kräfte waren manchmal am Versagen. Die Last der Arbeit mit vielen kleinen Widrigkeiten, die Sorgen im Großen wirken zusammen. Ich hatte am Montag und Dienstag je 4 Stunden Staatsexamen, mit Bäumler u. Hartmann zusammen. Donnerstag hatte ich eine studentische Andacht zu halten; außerdem Fakultätssitzung mit 3 Doktorprüfungen.
Der Dank für Deine lieben Geburtstagsgaben kommt so recht spät; mir scheint es zwar, als ob der Geburtstag vor 2 Tagen gewesen wäre. Die Kulturgeschichte von Frobenius ist mir ganz außerordentlich willkommen. Ich habe gestern Abend, halb einschlafend, ein paar Seiten darin gelesen; leider seltsame Schreibweise! Das rote Glas verbreitete einen rosigen Schein, als Marja und ich ein Licht hineinstellten; sehr im Kontrast zu sonst. Ich habe an dem ganzen Inhalt Deines Packetes innige
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| Freude gehabt. Besonders an Deinen lieben Worten, die ich spät in der Stille gelesen habe.
Viel Besuch war nicht da. Außer 2 geschäftlichen Angelegenheiten, die zufällig hinzukamen: Christian Biermann, Wallner, der alte Hr. Reimesch, Carl Körner (den ich nicht sah), Wingeleit, Rauhut (die 14 Tage Frau Strasen vertreten hat.) und Brosius, den ich von der Sprechstunde mitbrachte. Am Sonnabend war ich mit den Damen v. Glasenapp in der Meierei u. Sakrow. Abends in ihrem Hause kamen dann die aufregenden Nachrichten, die man zunächst garnicht verstand. Sonntag war Ludwig da, mit dem ich in den Anschauungen noch immer differiere. Am vorigen Mittwoch besuchte ich zum Abendbrot Kindermann aus Athen, der Dich herzlich grüßen läßt. Sehr einig.
Zum Geburtstag kamen viele Blumen u. andere Geschenke, auch gegen 100 Briefe. Unter den Gratulanten fehlen Adelheid, Lore, Oesterreich u. einige wenige andere.
Am Montag muß ich nun nach Danzig fahren, gedenke aber am Dienstag nach Mitternacht schon zurück zu sein. Heute und morgen
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| hatte ich mir ganz für die schwierige Vorbereitung reserviert. Es kamen aber 3 Durchreisende: um 5 heut Baron v. Engelhardt, um 12 morgen Litt und um 6 - Louvaris, der mit seinem Verschweigen der Adresse nun glücklich erreicht, daß ich gerade abreisen muß. Ebenso meldet sich heut Direktor Walter aus Dorpat.- Es ist ein bißchen viel, zumal wenn man immer müde ist.
Marja hat Ferien. In den letzten Tagen lebte sie auf, weil sie für Renates heutigen Geburtstag eine Puppenwiege selbst sehr geschickt herstellte. Die Freude über die Wiederkehr von Renate und die Geburtstagsüberraschung, die sie plante, hatte sie ganz durchglüht. Renate kam erst gestern abend von der Nordsee; sieht etwas besser aus. Strasen ist mit der Kur nicht zufrieden und überhaupt - verstimmt. Marja fährt am Mittwoch früh mit ihrer Großmutter aufs Land zu Verwandten (in Mecklenburg.) Das belebt sie auch, so daß sie gestern ganz entzückend war. Ich sehe sie alle 3 Tage ½ Stunde. Denn ich bin abends oft fort: einmal zu einem Empfang bei den Ungarn, vorgestern beim Spanischen Botschafter, der ursprünglich mein Fachkollege war. Es geht also meistens bis nach Mitternacht. - Franke ist seit dem 28. zurück.
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Es ist sehr viel inzwischen geschehen. Aber im Unterschiede zu sonst: niemand weiß etwas Genaues und von niemandem ist etwas zu erfahren. Nur das eine, glaube ich, kann man ausrechnen: wenn die SA. aufgelöst wird - und sie ist durch und durch fragwürdig, - hat H. keine Hausmacht mehr. Die schrecklichen Dinge sind in der Lichterfelder Kadettenanstalt geschehen. v. P. ist verhaftet. Allgemein ist die Überzeugung, daß die Angelegenheit nicht erledigt ist. Frau Oger hat schreckliche Gesichte.
Auf die Haltung in meinem Sem. hat die Erschütterung zunächst mäßigend gewirkt. Einer der Angreifer - ein junger Mensch von entzückendem, vornehmem, deutschem Aussehen, hat sich erhängt. Die Motive sind nicht zu erfahren; ein Zusammenhang ist zu vermuten.
Was sagt nun der Vorstand? Wann reist er nach Berlin? Für sehr ratsam halte ich das nicht.
Ich muß jetzt an m. Vorbereitung gehen. Eigentlich ist das Thema für mich ganz unmöglich. Aber das läßt sich nicht leugnen: im Min. ist mein Kurs im Wachsen. Ich breche ab und grüße Dich mit den innigsten Wünschen und in herzlichster Dankbarkeit. Dein sehr geplagter
Eduard.

[re. Rand] Besonderen Dank für die Häherfeder.
Es ist leider garkein Auftrieb in mir
Dr. Böhm ist Pd. bei Euch.
Meine Zahnarztrechnung (aber mit mehreren Behandlungen <Kopf> u. Extraaktionen): 251 M. Das Stück selbst mit Platingold u. 4 Zähnen wohl 200 M