Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. Juli 1934 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 20. Juli 1934.
spät.
Mein innig Geliebtes!
Du hast lange nichts von meinem Tun und Erleben gehört. Ich hatte gehofft, heut endlich, nach Überwindung der schwersten Arbeit, etwas befreit schreiben zu können. Leider aber waren die Eindrücke des heutigen Tages besonders deprimierend.
Am Sonntag 8.VII. war vormittags Litt da, eigentlich in voller Desperation, wie ich es an ihm noch nicht gesehen habe. Nachm. um 6 kam Louvaris. Er blieb bis gegen 10. Montag fuhr ich um 8.30 nach Danzig und besuchte sogleich nach Ankunft Prof. Kindermann, der auch allerhand von W. H. erzählte. Er ist mit vollem Gehalt außer Diensten. Am Montag hielt ich meinen Vortrag, in Gegenwart des natsoz. Staatspräsidenten Rauschning. Sein nächster Mitarbeiter entpuppte sich als ein alter Berliner Student von mir, mit dem ich oft zusammen war. Wir blieben bis zu meiner Abfahrt im Gespräch. Er hat mir wenig Gutes, aber sehr viel Typisches
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| erzählt. Interessant war jedenfalls diese sofort vorhandene Übereinstimmung. - Ich konnte direkt über Dirschau - natürlich arbeitend - zurück und war schon um 10 in Dahlem, wo mich Marja noch in Nachthemd begrüßte. Am Mittwoch ist sie abgereist. Ich arbeitete - als noch abwesend - den Mittwoch durch. Am Donnerstag waren Louvaris u. 3 Griechen, die hier studieren, außerdem der Gymnasialdirektor Walther aus Dorpat zu Mittag da. Ich versäumte die Akademie. Das Seminar am Freitag ging sachlich und fruchtbar vor sich. Am Sonnabend hielt ich 10 Doktorprüfungen hintereinander. Abends sprach ich den Oger. Sonntag machte ich auf einen Hieb den größten Teil meines Akademievortrages - immer in der schrecklichen Hitze. Denn es regnet hier nie. Abends dann wieder Arbeit für das Kolleg. In dieser Wochen mußten noch 7 weitere Doktorprüfungen untergebracht werden. Auch eine Dissertation war noch zu erledigen. Dienstag war Adalbert ratsuchend kurz da.
Am Donnerstag hielt ich bei einer unsagbaren Schwüle mit starkem Erfolg den mühselig zusammengeschriebenen Akademievortrag. Nachher war Fakultätssitzung mit Abstimmung über 76 Doktorprüfungen Abends machte ich das Kolleg für heute, das vor immer noch reichlich 250 Leuten
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| gut gelang. Heut früh verstimmte mich die Mitteilung des Ministeriums, man vermisse in den neuen Satzungen der Gesellschaft für deutsche Erziehungs- und Schulgeschichte, wie sie den nationalsozialistischen Erziehungszielen dienen wolle (?) Ich weiß in der Tat nicht, was ich darauf antworten soll. Im Seminar, das ich müde begann, fand ein Referat statt, das alles in der Welt angriff: die offiziellen natsoz. Staatsrechtlicher Carl Schmitt, Köllreuter, das Christentum und mich. "Die einzige Pädagogik, die wir anerkennen können, ist die von Bäumler u. Krieck." Aus der Versammlung unterstützte nur einer den unerhörten Ausfall - ebenfalls ein Sendbote Bäumlers. Ich habe wieder Disziplin und Führung mit Erfolg aufrechterhalten. Trotzdem erreichen diese Angriffe ihr Ziel: die Entwicklung der Probleme u. meiner Gedankengänge wird gestört. Ich bin ganz zerschlagen. Wozu ist man doch im deutschen Amt?
L. hat die Verhältnisse hier geradezu studiert und denkt wie wir. Aber überall zwischen Schrecken und Lethargie. Wohin treibt das?
Das Semester geht zu Ende. Ich werde nun den innerlich schwer erkämpften Schritt tun, obwohl Z. nicht mehr in Frage kommt. Solche Entschlüsse kann man nicht hypothetisch fassen. Auch bin ich nicht
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| mehr in der Lage, alles einsam durchzukämpfen. Man wird in das Privatleben zurückgescheucht, zurückgezwungen.
Für den August habe ich keine festen Pläne, nicht nur weil im Hause Oger die Sterne sehr schlecht stehen. Bis zum 10. mindestens muß ich hier bleiben. Wenn dann die Möglichkeit besteht, hoffe ich, daß wir irgendwo zusammen sein können. Ev. Freudenstadt, oder Partenkirchen selbst, oder - wenn Du das mal erkunden willst, Friedenweiler oder Todtnau-Berg. Ich kann allerdings nicht leugnen, daß ich allerhand kommen sehe. Und Du weißt, wie ungern ich Pläne mache, ehe ich selbst ganz an sie glauben kann.
War es jemals dunkler als heut? Tragen wir daran entschiedene Schuld?
Marja kommt frühestens Mittwoch. Dienstag will ich noch ein paar zuverlässige Studenten und Studentinnen bei mir sehen. Die Vorlesungen schließen am 31.7.  Am 7.8. soll ich noch für Ausländer sprechen. Seltsame Gerüchte bleiben leider unkontrollierbar. Es ist hier eine so drückende Luft, und man muß immer arbeiten. Mein Akademievortrag eröffnet ganz neue Perspektiven. Vom "Inneren Reich" habe ich nicht 1 Exemplar <unleserliches Wort> erhalten u. auch keines gekauft! Eindrücke habe ich auch nicht gehört. - Heinz schrieb mir - aber wie verworren!! Günther Engagement erscheint <re. Rand> auf dem nunmehr zugegebenem Hintergrund nicht / recht erfreulich.
Der Ursenbacher heißt Häbler. Es wäre gut, wenn Du ihn besuchtest. Seltsam - es weiß niemand etwas. Innige Grüße in unzerstörbarer Treue Dein <Kopf> heut wie Ende April 1933 gestimmter Eduard.