Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 31. Juli 1934 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, 31.VII.34.
Mein innig Geliebtes!
Wir fühlen wohl beide, daß die deutsche Welt bis in die Grundfesten wankt. Die Entscheidungen der nächsten Zeit können nur die bittersten Ereignisse bringen, und ich bin mit der tiefen Sicherheit meiner Natur über das, was real da ist, doch ganz unsicher im Pläne=fassen, nur wie hypnotisiert durch den Blick in all das Schreckliche, das wird sein müssen. Ich halte aber in diesem Gefühl Deine Hand und gehe diesen Weg mit dir, obwohl es äußerlich anders scheinen könnte. Denn die Maße der Welt haben sich verkehrt, und alle Entscheidungen sind ungewöhnlich.
Wir brauchen ja über Einzelnes nicht viel zu reden; denn das geht ja nicht. Innerlich empfinde ich es als einen Fortschritt, daß jeder Zweifel von mir gewichen ist. Es gibt keine Gemeinsamkeit von mir zu dort.
Die große Lampe in meinem Garten, über die wir so viel sprachen, ist zersprungen. Daran
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| ist nichts zu reparieren. Sie wird nicht mehr leuchten. Aber ich habe immer Angst, daß die Splitter, die noch herumliegen, den Kindern gefährlich werden können, wenn Marja und Renate dort spielen. Es liegen sicher noch große Splitter dort. -
Heut habe ich das Semester geschlossen mit dem Gefühl, nicht mehr in meinen Beruf zurückzukehren. Die planmäßige Aktion wurde schon am 20.VII. in feindseligster Form fortgesetzt. Ich behielt die Oberhand. Nun wurde für den 27. ein Generalangriff mit fremden Truppen angesetzt. Ich wurde davon durch Beteiligte benachrichtigt u. habe die letzte Seminarstunde kurz abgesagt. Gleichzeitig bat ich den (belanglosen) Rektor um einen Ordnungsdienst für meine beiden letzten Vorlesungen gestern u. heut. Der "Führer" der SA. schrieb mir einen Brief, worin er alle Garantien übernahm, gleichzeitig aber gegen den Ausdruck "Liberalistische Opposition" Verwahrung einlegte, den ich nach unendlicher Geduld u. Selbstbeherschung mit gutem Recht
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| einmal gewählt hatte. An dieses armselige Objekt mußte man sich halten. Wie deutlich also die bösartige Absicht, von der der "Führer" mit keinem Worte sprach! Es ist jetzt Meinungsverschiedenheit, ob ich die Verwahrung zurückweisen soll (Franke, Schumacher, Brosius), oder vornehm schweigend auch das Angebot zu einer Rücksprache ablehnen soll (Oger, Lietzmann) Ich bleibe bei m. Entscheidung  1) weil ich keine Gelegenheit geben will, die Angelegenheit durch das bekannte Lügengespinst doch noch zu einer gefährlichen Entwicklung weiterzutreiben  2) weil nirgends der Mut ist, mich zu stützen, bis in die höchste Stelle hinein, die nach Köhler ebenso denkt wie wir.  3), weil ich keine Warze beseitigen lasse, wenn der Patient vor einer lebensgefährlichen Operation steht. - Aber das Vertrauen ist dahin. Jedoch: in der Vorlesung gestern, die nur noch von ca 120 Leuten besucht war, wurde ich mit einmaligem donnerndem Getrampel minutenlang begrüßt. Heute, in der anderen Vorlesung, vor nur noch ca 70 Hinterbliebenen schloß ich so, daß alles stitzen blieb, bis ich den Hörsaal verlassen hatte. Man spürte wohl: das war: mein Abschied.
Am 5. August feiere ich mein 25jähriges
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| Dozentenjubiläum. Der geplante Ausflug zu 4en wird auf morgen verlegt, weil Sonntag eine Stahlhelmsache ist.
Die bittersten Erlebnisse bereiten mir die Nichtsehenden. An der Spitze der <unleserl. Wort> Giese, mit dem ich eine ganz resultatlose ernste Korrespondenz hatte, über meinen Aufsatz, den er der "E." zumutet. Brosius, den ich wohl nach Dorpat bringen kann, steht klar und fest. Leider muß ich Dir sagen, daß mir Hermanns freundschaftlicher Besuch gestern auch eine solche Tortur war, nach der ich fast in Weinen ausbrach. Du brauchst Dir, glaube ich, über s. Gesundheit keine Sorgen zu machen. Was er mir über den Anlaß der Magenverstimmung sagte, hätte genügt, um 6 Wochen Krankheit zu motivieren. Er sieht aber keines wegs besorgniserregend aus. Was er sagte u. wie er urteilte, veranlaßte mich, das Thema abzubrechen. Das ist nun die Folge unserer Presseberichterstattung. Ich lese jetzt Zeitungen in 4 Sprachen: deutsch (schweizerisch) frz. engl., sogar italienisch und verarbeite sie mit durchaus
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| kritischer Besonnenheit. Wer überlebt (?) wird Unendliches zu leisten haben. Und doch, wie sagt [über der Zeile] heißt es im Hamlet: "Welch edler Geist ward hier zerstört!"
Wenden wir uns zum Häuslichen. Marja ist seit 3 Tagen dick und rund wieder da. Leider bemerke ich seit langem bei der Mama eine große Liederlichkeit u. Unsauberkeit. Ich selbst schritt ein, als Marja u. Renate auf den ausgetrockneten Bodenraum eine Laterne mit Lichtstumpf brachten. Für die künftige Harmonie zu 4en sehe ich nicht gut, was übrigens Frankes erstes Bedenken war.
Ich habe unsagbar gearbeitet und muß es noch. Zeitweise war ich durch Verzweiflung am äußersten Rand. Verzeih, wenn ich in Hinblick auf das Kommende keine bestimmten Pläne äußere. Wir müssen das, wenn es ruhig bleibt, sehr kurz verabreden. Ziehe doch auch Erkundigungen über Friedenweiler ein. Frl. Besser hat eingehend aber traurig über Fürsatz berichtet. Freudenstadt ginge auch - ich fürchte etwas meine allzu retrospektive Gemütslage. Was meinst Du über Rottweil?
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Donnerstag kommt Frl. Geppert, am nächsten Mittwoch Johanna Richter mit den Ihrigen. Das wären wohl die wichtigsten Nachrichten.
Ich freue mich, daß Du mit den Haeblers Fühlung genommen hast. "Krankheiten" erscheinen einem jetzt beinahe als individualist. Belanglosigkeiten. Denn es ist ja alles krank. Ich bin gespannt, was sich durch hält. Louvaris sagte abreisend: höchstens noch 6 Wochen. Aber es ist jetzt tiefe Nacht. Ich muß wohl abbrechen.
Gute Nacht! Dein Eduard.