Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7./8. August 1934 (Berlin/Dahlem)


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7.VIII.34.
Mein innig Geliebtes!
Deine schönen Prospekte sind so verlockend, und auch vor mir liegt der geborgte neue Schwarzwaldführer¹) [Fuß] ¹) Ich lese jeden Abend mit Sehnsucht darin. Dem stehen bei mir gegenüber ein Gespräch vom Sonntag und ein Gespräch von heut. Völlig Unverstehbares schließt sich auf einmal zu einem Ganzen zusammen. Gerade weil es von 2 absolut unverbundenen Seiten kommt. Die aufdämmernde Gewißtheit aber ist entsetzlich, ja mehr als dies.
Ich denke an Würzburg 1918. Damals dauerte es noch 3 Monate. Wie wird es jetzt sein? - Eins scheint mir im Moment fast unmöglich: nämlich eine abgeschiedene Existenz im Walde. Es wäre mir Gott weiß sehr nötig, dies Ausruhen, diese "Ausschaltung". Aber das geht ja nicht. Man würde jeden Tag nach Freiburg um Zeitungen fahren. Nun liegt die Sache so: die nächsten 10-12 Tage bringen die Klarheit, ob das Darlehen kurzfristig oder langfristig ist. Die Anzeichen dafür müssen wir wohl abwarten. In jedem Fall muß ich
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| Dich im August sehen u. sprechen, ev. i. einer größeren mitteldeutschen Stadt, eben nur um der Klarheit willen. Bitte laß mich von hier, wo man den Puls fühlt, und ich fühle ihn seit heut besser als die meisten, darüber entscheiden. Eine sichere Beschlußfassung ist z. Z. nicht möglich.
Hier kommt viel Besuch; jeder bringt ein Steinchen. Ich lege bedachtsam das Mosaik. Am Sonntag war Johanna Richter mit Gatten hier, ehe sie - ziemlich befreit - nach Canada gehen. Gestern war ich (zum heutigen Todestag) am Hügel von Dora Th. in Stahnsdorf. Heute während der Trauerfeier war ich beim Orakel von Delphi. Was soll ich sonst noch erzählen? Man muß sich sprechen. Und da Du mir zutrauen wirst, daß ich eine kluge Zeiteinteilung mache, so bitte ich Dich, meine Vorschläge s. Z. freundlich aufzunehmen.
Verzeih, wenn mein Stil ungelenk ist. Habe ich so lange nicht geschrieben? Beherrsche ich die Sprache so wenig? Du aber kannst ja lesen.
Viel innige Wünsche und Grüße
Dein
Eduard.

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Dahlem, 8.8. früh.
Es ist so schwer, wenn man morgens aufsteht, wieder so viel Lebensmut zu finden, wie nur für den Tag gehört. In den letzten Tagen habe ich garnichts arbeiten können. Und doch wäre es sehr nötig; denn es liegen ganze Berge von Unerledigtem da, darunter sogar noch die Geburtstagsbriefe. Hätte ich doch auch Hermanns Temperament. Aber ich kann das Lastende garnicht loswerden, kaum für eine Stunde. Törichte Menschen wie die Siemering glauben mir darüber Vorhaltungen machen zu dürfen. - Wenn man garnichts weiß, ist es leicht. Manche bemühen sich noch ausdrücklich darum, garnichts zu wissen.
Ich grüße Dich noch einmal herzlich!
Dein
Eduard.