Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 17. August 1934 (Berlin/Dahlem)


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z. Z. Freienwalde a. O.
den 17. August 1934.
Mein innig Geliebtes!
Es ist gestern plötzlich notwendig geworden, Berlin auf kurze Zeit zu verlassen. Ich bin also nach Freienwalde gefahren, werde aber morgen (Sonnabend) wieder zu Hause sein. Die Gründe für diesen Abstecher lassen sich nur mündlich mitteilen.
Da ich hinsichtlich unsres Reisezieles zu gar keiner befriedenden Lösung kommen konnte, habe ich eine ganz andere Idee gefaßt, die ich Dir zur schnellen Begutachtung und Entscheidung vorlege: wie wäre es mit Saßnitz auf Rügen? Wenn Du glaubst, daß die (nicht ganz vermeidliche) Seefeuchtigkeit der Betten Deinen Kurerfolg in Frage stellen könnte, so müssen wir natürlich davon absehen. Sonst aber wäre es auch für Dich einmal etwas Neues. Und
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| Gebirge, so viel wie wir schaffen, gibt es bei Stubben-Kammer auch. Ich schreibe 2 Reisepläne auf ein besonderes Blatt. Deine Antwort müßte ich bis Montag früh haben - was technisch wohl möglich ist. Und Du müßtest dann den von Dir gewählten Plan auch gleich ausführen.
Ich habe von der Umstellung meines häuslichen Lebens nicht viel geschrieben, um Dein Herz mit den Einzelheiten nicht zu beschweren. Nun hole ich das Wichtigste nach. Zunächst kann und muß ich eidlich versichern, daß der Anlaß dazu nicht von Susanne ausgegangen ist. Sie hat sich 1928 gelobt, nie wieder einen Gedanken daran zu fassen, und so hat sie es durchgeführt. Der akute Anstoß war Zürich, der chronische ist die politisch-geistige Lage, die der Einzelne innerlich und praktisch nicht mehr bewältigen kann. Das hat sich bei der gestrigen Komplikation wieder deutlich gezeigt. Ich habe bei alledem sehr ernste Gedanken, besser Vorgefühle, von denen man lieber nicht spricht. Aber von
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| innen her fürchte ich keine Bedrohung.
Susanne, die auf meine Anregung lange geschwiegen hat, wird Dir nun schreiben. Ich bin im Innersten gewiß, daß sie Deine älteren Rechte stets achten wird und daß sie in Pietät und echter Freundschaft mit Dir verbunden zu sein bestrebt ist. Wir drei, die wir alle jeden Augenblick vor dem Letzten stehen, werden in diesen schwersten Zeiten den Ernst und die Höhe wahren, die wir jeder sich selbst, unsrer vergangenen und gegenwärtigen Gemeinsamkeit schulden.
Äußerlich laufen die Dinge etwas ungewöhnlich. Wegen der praktischen Aufgaben mußte Susanne schon zum 1.VIII. aus dem Amt scheiden. Sie verlor damit natürlich alle Ansprüche. Um sie diesem Vakuum nicht zu lange auszusetzen - man ist heut weniger als je in einer Lebensversicherung - haben wir in äußerster Stille (selbst vor den Hausgenossen) die standesamtliche Trauung am Dienstag 14. August 12 Uhr in Lichterfelde vorweggenommen.¹) [li. Rand] ¹) Die kirchliche vermutlich Ende September durch Kirmß in Weimar. Erst dann Umzug u. Bekanntmachung. Trauzeugen waren der Schwager Honig und Franke.
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| Wir haben dann mit beiden und ihren Frauen in Wannsee gegessen. Nachm. waren Susanne und ich in der Meierei. Am Morgen und am Abend war ich wie gewohnt an meinem Schreibtisch.
Meine Gedanken waren, indem ich den Ernst des späten Schrittes empfand, bei meiner Mutter und bei Dir. Deshalb habe ich Dir eines ihrer Schulhefte gesandt. Es war in Lichterfelde, daß sie mich unter leiblichen und seelischen Schmerzen geboren hat. Gegenüber der entsetzlichen Kadettenanstalt habe ich auch meine ersten beiden Lebensjahre verbracht. Ich bin so wohl ein Schmerzensbringer geworden.
Nun zurück zu unsrem Reiseplan. Er geht von der Annahme aus, daß Du Deine Verwandten in der Kurfürstenstr. entweder auf der Rückfahrt oder - wie war doch ihr Plan - ? auf Rügen selbst besuchen könntest. Jetzt liegt mir daran, daß wir uns möglichst
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| bald sprechen. Denn ohne unsre Schuld fehlt der Zusammenhang hinsichtlich der äußeren Vorgänge, die doch stärker als je nach innen greifen. Ich freue mich mit der ganzen - freilich nicht mehr ungebrochenen Kraft meines Freuenkönnens auf unser Zusammensein. Reise glücklich! Vergiß nichts einzupacken; es gibt an der See vielleicht schon recht kühle Tage. Solltest Du Rügen ablehnen, dann würde ich am Mittwoch zunächst einmal nach Heidelberg kommen. Aber etwas frischere Luft brauchen wohl wir beide.
Innigste Grüße
Dein
Eduard.

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1. Plan.
Du fährst am Dienstag [mit durchgehendem Schnellzugbilltet (Urlaubsrückfahrkarte!) nach Saßnitz] und zwar ohne Umsteigen mit dem Würzburger Zug bis Leipzig
ab Heid. 9.48.
an Lei.  18.47.
Dort gehst Du mit dem Gepäckträger über den Bahnhofsplatz [über der Zeile] Vorderseite! in das große Hotel (Name vergessen) und übernachtest dort.
[links] Dies ist beschleunigter Personenzug. Oder ab Leipzig Dzug 8.22 an Berlin 10.17 Weiterfahrt am Mittwoch 10.12 Ankunft Berlin 13.07. mit Auto zum Stettiner Bahnhof. Dort ein Paar Würstchen essen. Ab Stettiner Bahnhof mit Eilzug
[links] Da Du Zuschlag für die ganze Strecke hast, ist das gleich. ab 14.00.
an Stralsund [unter der Zeile] über Eberswalde 17.45. [zwischen den Zeilen] Dort vermutlich umsteigen.
[rechts] oder besser 13.55 anscheinend dann ohne Umsteigen in Stralsund. Dieser Zug geht über Oranienburg
[links] Aber das Warten am Stett. Bhf. ist auch nicht angenehm von 11 - 1.55.an Saßnitz Hafen[über der Zeile] Stadtbahnhof 19.32
wo ich Dich erwarte.
Denn ich will schon Mittwoch morgens fahren, damit ich ein geeignetes Hotel aussuchen kann, ohne daß Du diese ermüdende Suche mitmachst.
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2. Plan.
Die anstrengendere Form und deshalb weniger zu empfehlen, weil man in der Bahn nicht reden kann.
Dienstag ebenso wie auf der umstehende Seite.
Mittwoch: Abfahrt von Leipzig
früh 7.05.
Berlin an 9.08.
Ich erwarte Dich mit m. Gepäck in einem Auto, das am Ausgang rechter Seite (also Möckernstr.) steht. Wir fahren zusammen nach dem Stettiner Bhf.
Abfahrt dort 10.27
ohne Umsteigen Saßnitz an 15.29.
Dann erst beginnt das Hotel-Suchen.
Die Übernachtung in L. empfiehlt sich, weil so die Reise in 2 einigermaßen gleiche Teile zerlegt wird. In Berlin weiß ich kein Hotel zu empfehlen. Auch ist es mir ein unvernünftiger Gedanke, daß Du in Berlin ins Hotel gehst. Die Fahrerei nach Dahlem mit Auto u. am nächsten Tage weiter kostet so viel wie 2 Übernachtungen. In dem kleinen Zimmer oben haben Frau Bon u. Marja ihre Waschgelegenheit etabliert. Deine Schwester wollen <re. Rand> wir doch auch nicht für so kurze Zeit bemühen. Auf der Rückfahrt sind wir nicht so eilig.