Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 17. September 1934 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, 17.9.34.
Mein innig Geliebtes!
Erst gestern um 6 bin ich von Marienbad heimgekehrt und fand da mit inniger Freude Deine lieben Zeilen. Von M. konnte ich Dir nicht schreiben, da ich, wie üblich von früh bis Mitternacht durch Menschen in Anspruch genommen war. Die Beteiligung am Kongreß war sehr schwach. Im Höchstfalle 80 Zuhörer. Ich habe aber aus einigen Vorträgen sehr viel gelernt, und meine eigene Darbietung hat großen Beifall gefunden. (3. Vortrag am 2. Tage.) Es waren auch einige angenehme Leute da: Brugsch (Sohn v. Brugsch-Pascha), Ernst Otto (Prag, interessant über Prager Kongreß), ein Badearzt Dr. Schleß, der vor 20 Jahren in Leipzig ein Platokolleg bei mir gehört hat. Marienbad (600 m. = 900 m im Schwarzwald) ist ganz besonders lieblich, ganz nach unsrem Geschmack; der Wald reicht fast bis in die Stadt hinein; herrliche Anlagen, freundliche Behandlung im Hotel (Wohnung gratis.) Nur allzuviel Juden, obwohl die
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| reichsdeutschen wohl spärlich geworden sind; und die jetzige Devisensperre hält auch arische Reichsdeutsche fern. Wir machten 2 größere Autofahrten, u. a. nach Schloß Königswart. Die Stadt gab ein Essen; im "Richard Wagnerhaus" verlebte ich einen Abend bei dem berühmten Ophtalmologen Elschnig. Ein schmerzlicher Klang kam hinein durch die Nachricht von dem Tode des Barons v. Engelhardt. Hingegen ist der Plan Brosius wieder aufgelebt. Es regiert eben alles durcheinander.
Hier viel Post, auch Unerfreuliches. Die [über der Zeile] Internationale Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, für die ich auch geschrieben habe, ist torpediert worden. Der Herausgeber, Prof. Schneider, in den Ruhestand versetzt. Wann kommen wir an die Reihe? In Leipzig traf ich an der Bahn Frau Litt, er "halb verzweifelt" war im Riesengebirge.
Es ist wieder ein neues Möbelstück angekommen. Die liebe Susanne hat einen guten Kleidergeschmack. Aber in Möbel- u. Wohnungssachen hat sie eine weniger "glückliche Hand". Aber das tut der Liebe keinen Eintrag; aus den zwischen uns erörterten Gründen
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| ist es sogar recht nebensächlich. Ich werde nachher zu dem Dahlemer Pfarrer Röhricht gehen (Schwiegersohn von Sombart) und ihn bitten, uns am Montag früh zu trauen; (wenn er Zeit hat). Um 12 wollen wir dann abreisen und - mit Station in Augsburg - nach Mittenwald fahren. Ev. Abänderungen erfährst Du nur durch Postkarte.
Mit dem Vorstand suche ich also auch in diesen wenigen, sehr arbeitsreichen Tagen keine Fühlung. - Die Akademierede habe ich Dir doch geschickt? Hier eine seltsame Karte von Heinz. Günther - das ist ganz wie in Jugendbewegungstagen: im Grunde jugendlicher pädagogischer Enthusiasmus, bei dem immer ein Stück Eros ist.
Stimmung in der Tschslow. sehr schlecht. Ich erhielt eine Schrift dediziert: der "Gasbauch", die ich in der Bahn mit persönlicher Anteilnahme las. Der Zollwächter fragte mich mißtrauisch, ob das etwas Politisches sei. (!) Hier in Berlin soll ein furchtbarer Brand in der - russischen Handelsgesellschaft gewesen sein. Die Zeitungen sind nach der ersten Nachricht verstummt.
Für heute nur diese kurzen Mitteilungen.
Viel innige Grüße Dein Eduard.

[li.Rand] Köhlers Sache nach heutiger Nachricht ungeklärt. O. Schultze - Königsberg nach Halle - "versetzt".
Auch Susanne grüßt herzlich.