Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22./23. September 1934 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, 22.IX.34.
Mein innig Geliebtes!
Hier ist so ziemlich alles mit seinen Nerven fertig, wie es ja nicht anders sein kann. Die Herstellung der ca 350 Adressen für die Anzeigen hat selbst Susannes tätige Kraft und Organisationsgabe überschritten. Sie hat im stillen und, für mich fast unfühlbar, Ungeheures geleistet. Aber sie schläft nicht mehr - und sie kann nicht mehr. Gestern kamen die Möbel; ich zog 9½ Stunden in ganz Berlin und Umgegend umher und fand dann einen erstaunlich geordneten Zustand. Aber vieles gefällt noch nicht und kann ja auch so schnell keine Form erhalten. Susanne wohnt nunmehr im "Hotel" in Lichterfelde.
Meine eignen Dinge behalten ihr unerfreuliches Gesicht. Allerlei Besuche kommen, die den halben Tag verschlingen (ich habe ja Ferien), und jeder wie jedes bringt irgend eine Gräßlichkeit. Am erschütterndsten war die Vorstandssitzung der Kantgesellschaft in dem offiziellen Hause unter den Linden. Unser "Beschützer" dort
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| der mich im Frühjahr 1933 abstieß, irgendwie mitzumachen, bedeutet die Stütze der Kultur, obwohl er selbst sich kaum geändert hat, und die Bilder, die man durchschimmern sah, waren - russisch. Aber Rußland ist ja jetzt anerkannter Kulturstaat. Ich sprach lang mit Lenz (Sohn), OSch R a.D. Pflug, Birkemeier, Marta Wais - überall dieselbe Einstellung: gläubige Hoffnung, fatalistisch, ohne Weg.
Es ist also hier kein rechter Glanz. Da kam nun heut Deine schöne Silberschale. Jeder hat Gelegenheit, sich darin zu beschauen. Sie spricht symbolisch zu uns. Es ist heut nicht leicht, das Leben klar und rein zu spiegeln. Schon heut ringe ich darum, am Montag wenigstens ein bißchen seelische Konzentration aufzubringen. Susanne scheint zu Röhricht keinen unmittelbaren Zugang gefunden zu haben. Ich bringe meine eigne Religion mit, wie ich ihm gesagt habe. Der junge Mann wird uns nichts Hilfreiches zu sagen haben. Ich nehme mir das Hilfreiche aus meinen Lebenserfahrungen
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| im Umgange mit dem Gott der zu mir gesprochen hat. Seine Sprache geht in keinen kirchlichen Rahmen hinein. Was zwischen uns beiden lebendig geworden ist, das hat mir den Sinn des Lebens aufgeschlossen. Ich nehme es nun als "Gottes Wort" in den weiteren Lebensweg hinein, auf dem ich eine in ihrem Kern noch junge, warme Seele zu führen habe. Und indem ich sie unvermerkt führe, erhält sie die Kraft, mich zu stützen. Aber dieses Leben kommt von Dir und es geht zu ihr. Und so wenig das irgendeiner aus üblichen Anschauungen begreift .... nur Dein Segen, der nachstrahlende Segen meiner Mutter, verleiht diesem Bund die innersten Kräfte. Ich möchte es so sagen: nicht dieser gute Geistliche wird uns trauen. Ich bitte um Deinen Segen. Und nur in Deinem Geiste wird dieser Weg geheiligt werden. Das klingt sehr kompliziert. Gott hat das Leben so kompliziert gemacht. Er hat es aber auch so reich gemacht, daß ich Susanne wie ein Geschenk aus Deiner Hand empfange und sie doch in ihrem unendlichen Eigenwert
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| ganz fühle. Die Hilflosigkeit dieser lieben, reinen Seele in allem Metaphysischen ist durch Dich gelöst: ich hätte, wie ich jetzt begreife, nicht die Kraft, sie zu halten und zu führen und mich von ihr läutern zu lassen, ohne die unendliche, durch keinen Begriff erschöpfbare Wahrheit zwischen uns. Du guter, lieber Genius, Du wirst nun uns beide tragen, und ich werde manchmal zu Dir nicht mehr sagen: ich habe das erlebt, sondern wir haben das erlebt. Aber das wir ist echt, und das Du ist aus Urtiefen gesagt. Dir sind nun zwei Menschen anvertraut - sie sind beide: Dein Eduard.
"Hier ist so ziemlich alles mit seinen Nerven zu Ende." Ich treibe das trübe Werk des Tages. Und bin im Augenblick so müde, daß Du meine Zeilen kaum noch lesen kannst. Susanne ist noch weiter herunter. Zwei so klägliche Figuren grüßen Dich heut. Aber das ist gewiß: wir beide gehören Dir und bekennen am Montag: in Dir, wie in dem Höchsten, das wir glauben, sind wir eins. Dieser Montag ist mir im tiefsten Sinne ein Tag göttlicher Fügung.
<re. Rand>
Dein Eduard.

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23. September früh.
Mein innig Geliebtes!
Gestern im halben Einschlafen ist der Dank wohl nicht so recht gesagt worden für Dein liebes Geschenk. Ich spreche ihn heut allein aus - für uns beide - denn ich bin noch der Aktionsfähigere. Frl. Silber ist übrigens operiert und es soll ihr gut gehen. Eine Vertretung habe ich nicht, sondern mache alles selbst. (ich bin der sparende Teil.) Viel darf ich heut nicht mehr schreiben, wenn ich zu den anderen Sachen kommen will. Daher nur noch ein Wort, wie lieb und wohltuend Marja immer ist. (wenn sie auch mal in aufschäumendem Jubel den guten Stuhl hinter sich umwirft. Neulich sagte sie zu einem ziemlich unsinnigen Rätselwort von mir: "Das paßt in die Fliegenden Blätter, aber nicht in meinen Kopf."
Es regnet heut nach langer Zeit. Mondwechsel - Äquinoktien. Ich habe mehr als zu viel Arbeit für Mittenwald.
In innigem Gedenken Dein Eduard.