Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. September 1934 (Mittenwald/Hotel Post)


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Mittenwald, (Hôtel Post)
den 28. September 34.
Mein innig Geliebtes!
Hier der übliche Sonntagsbrief aus unsrem Mittenwald, wo jeder Weg ein doppeltes und tiefes Gedenken an Dich ist.
Der einzige Gruß, der am Montag von fern her zu uns kam, waren Deine Herbstzeitlosen. Ich kann Dir nicht sagen, wie ich mich gerade über dieses Symbol gefreut habe. Denn im stillen hatte ich sie dies Jahr schon vermißt. Nun trafen sie ein, während Susanne ihr weißes Kleid anlegte, und als sie herunterkam, strahlten sie in der silbernen Schale. Wir beide waren davon tief bewegt und haben keinen schöneren Segen empfangen.
Die stille Trauung in der kleinen Kirche war schön. Anwesend nur Strasen und Frau und Frau Bon und Frau Honig. Die Rede von R. über 1-Brief Johannes 4,12 war gut gemeint, aber die zu 10 M. Und so geht es einem leider
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| mit der Kirche öfter. Anschließend ein Frühstückbrot
Um 12 saßen wir in der Bahn und kamen gegen 9 Uhr in Augsburg an. Am nächsten Morgen gingen wir die gleichen Straßen, die wir 1913 gegangen sind. Gegen ½ 11 fuhren wir über Geltendorf nach Mittenwald und trafen um ½ 3 ein. Du kennst ja die meisten Leute im Hause. Bisher hatten wir unerhörten klaren Sonnenschein. Am ersten Nachmittag kamen wir nur an den Isarsteg, in ernsten Gesprächen. Mittwoch gingen wir durch den Wald nach Krünn, aßen in der "Schönen Aussicht", die sich sehr entwickelt hat, Mittag und tranken auf der Aschauer Alm Kaffee. Die Tiere sind noch da, die Kinder waren unsichtbar. Gestern gingen wir vorm. den Ederkanzelweg (Leutasch gesperrt); nachm. von Klais über Elmau nach hier. Heute waren wir vorm. auf der Karwendelhütte, die schon geschlossen ist. Ich steige auf einmal ohne Herz- etc. Beschwerden. Jetzt aber sind wir etwas faul und müde. Morgen oder übermorgen fahre ich zu Frau Witting.
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Es klingt seltsam, wenn ich sage, daß wir beide in diesen 4 Tagen der Ehe uns nicht nur stark zu einander hin entwickelt haben, sondern uns auch in ganz neuem Lichte erscheinen. Deutschland möge mir verzeihen, wenn ich für diese wenigen Tage alle trüben Gedanken fortgescheucht habe. Ich spreche es mit einem Worte aus: ich bin glücklich. Und Du nimmst daran mit einem Gefühl teil, wie kein anderer. So gehst Du in jedem Sinne mit uns und wir mit Dir. Susanne ist verjüngt und schenkt mir aus einem unerhörten Reichtum. Sie wird Dir auch bald schreiben. Heut, wo sie etwas "schlapp macht", sage ich Dir in ihrem Namen innigen Dank und viele Grüße.
Es sind hier ringsum noch erstaunlich viel Freunde, garnicht der erwartete Winterschlaf. - Ich bin begierig von Dir, Deinem Ergehen und vom Heidelberger Kreis zu hören.
Vor uns allen liegt die schwere Realität. Wenige Tage noch - dann kommt ja das unvermeidliche Erwachen.
In innigem Gedenken und Dankgefühl
Dein Eduard.

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Gestern hatte Tante Tilly Koch ihren 80. Geburtstag, Franke den 71. - Nach Köln sende ich ein paar Alpenpflanzen. Ich hatte leider nicht rechtzeitig an den besonderen Tag gedacht. Vor der Abreise war ich noch bei Frau Matjat, die geistig mit ihren 82 noch sehr frisch ist. Sie läßt Dich vielmals grüßen.
E.