Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. Oktober 1934 (Mittenwald)


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Mittenwald, 4.X.34.
Mein innig Geliebtes!
Soeben sind wir vom Walchensee gekommen. Die erwartete dritte Postsendung ist mir bayrischer Pünktlichkeit ausgeblieben. Susanne erholt sich auf dem Diwan von dem üblichen Parforce tempo. Ich habe einen Brief an Delekat geschrieben, der seinen ältesten Sohn durch einen herabfallenden Dachziegel verloren hat. Nun will ich, auch ein bißchen müde, Dir berichten, wie ja die Gedanken immer wieder zu Dir gehen, als kleine Schifflein - mit bunten Fähnchen wie mit schweren Lasten.
Vom Äußeren zu beginnen: es hat, seit dem 1. Abend hier (25.IX.) nie wieder auch nur einen Tropfen geregnet. Ja, die Welt und die Sonne draußen waren so schön, wie man es kaum ahnen, geschweige erleben kann. Auch zwischen Susanne und mir war nur Sonnenschein. Die Wahrheit, daß ich sie lieb habe, leuchtet in mir und aus mir.
Unmittelbar nach meinem letzten Brief besuchte ich Anderl, Felizitas u. Frau Witting. Frau W. hatte gerade vor 8 Tagen wieder einen
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| schweren Herzanfall gehabt. Sie machte erst einen sehr bedenklichen Eindruck. Später wurde sie normaler. Aber das ist nun wieder ein Memento. Felizitas hat ihre Ferienreise etwas verschoben. Morgen will ich Susanne vorstellen. Auf einen allzu gnädigen Empfang sind wir nicht gefaßt. Inzwischen haben wir kleinere Wege gemacht, waren noch einmal via Klais in Krünn, noch einmal auf der Aschauer Alm, vor allem aber am Sonntag in Vorderriß. Denke Dir, dieser sichere Weg war in der Mitte durch Unwetter so zerstört, daß man mit großer Mühe hindurchkam. Als wir nach den üblichen 6 Stunden Marsch in Wallgau eintrafen, hörten wir doch noch die laute Stimme, der wir entgehen wollten. Susanne war sehr glücklich daß wir - diesmal für bloße 3 M - ein Auto nach Klais bekamen.
Heute sieht es nach Wetterwechsel aus. Wir gingen tapfer [über der Zeile] von Klais bis Einsiedeln (31.VIII.28.), dann noch bis Dorf Walchensee und fuhren mit der Post zurück. Müdigkeit u. Stumpfsinn werden Dich aus diesem Brief angähnen. Es sind schon viele freundliche Briefe gekommen. Ermann u. Frau Günther - Leipzig stehen wohl an der Spitze. Das Hotel ist erstaunlich gut besucht und angenehm wie stets.
Ich habe nichts gearbeitet u. also ein sehr schlechtes Gewissen. Trotzdem taucht manchmal ein <li. Rand> wissenschaftlicher Gedanke auf, den ich Dir gern mitteilen würde. Hast Du eigentlich die Akademieabhandlung bekommen? Dies Jahr ist der größeren Produktion noch nicht günstig. Wie geht es Dir, wie lebst Du?
<Kopf> Frau W. in Urteil u. Stimmung auf unsrer Seite.
Hier sonst nichts zu erfahren. Alles schweigt ängstlich.
<re. Rand>
Innige Grüße von Deinem Eduard,
denen sich Susanne anschließt.

[] Schnucki ist vor 4 Wochen seinem allzu lebhaftem Temperament erlegen.