Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. Oktober 1934 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 13. Oktober 34.
Mein innig Geliebtes!
Seit unsrer Rückkehr verläuft das Leben so: ich sitze meine 9 Stunden lesend und erledigend oben; Susanne stellt unentwegt Möbel um, hängt Bilder in ästhetisch unmögliche Höhen und "versteckt" oder "verbannt" Dinge mit denen ich gelebt habe. Aber es kommt nie zum Unfrieden; denn der Untergrund ist gut und erprobt.
Es ist nur erstaunlich, wie eng die Wohnung geworden ist. Das gilt besonders vom Schlafzimmer. Fast unverändert sind nur meine beiden Bücherzimmer und das Musikzimmer. Alle Pietätsgegenstände sind natürlich erhalten; ich wache aufmerksam darüber. Vorläufig angenehm ist mir der bewegtere Rhythmus im Hause. Marja hat längere Ferien; da kam dann einmal Sabine Honig den ganzen Tag zu Besuch, und auf einmal waren 5 Personen zu Tisch, statt 2.
Wir haben bisher folgende Besuche gemacht: bei Möllers, bei Hertz' und bei
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| Frau Oger (er war verreist.) Sonst sehe ich wenig Menschen - was ganz gut ist. Es herrscht allgemeine Verschüchterung. In den fast 250 Zuschriften, die bisher kamen, spiegelt sich immer wieder - nicht die große, sondern die "schwere" Zeit. Viele waren recht interessant. Der Suderland findet immer die besten Worte. Frl. Silber ist aus der Klinik entlassen. Sus. ist eben zu ihr gefahren.
Gestern erschien Kuhn u. brachte die Nachricht, daß Löpelmann von der Partei den Befehl erhalten habe, aus dem Vorstand der Kantgesellschaft auszuscheiden. Ich habe ihm - da ich ja nur auf seinen Wunsch eingetreten war, - telegrafiert, daß ich auch zurückträte. Entweder ist damit die Gesellschaft tot, oder es wird sich nun einmal zeigen, ob das A.A. und andere kulturwillige Kräfte den Mut haben, einen solchen Fall durchzukämpfen.
Diesem Einzelvorgang gehen sämtliche sonstige Eindrücke parallel. Es ist eine allgemeine Zerstörungslust am Werke. Meine Post würde außer den laufenden Dingen nichts Geschäftliches enthalten, überhaupt beinahe aufhören, wenn nicht Glückwünsche
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| kämen. Das Semester hingegen kündigt sich in jeder Hinsicht übel an. Die Universität Berlin ist eine Ruine. Jaeger u. Köhler sind beurlaubt. Alles, was Maier u. Dessoir geleistet haben, kommt an mich. Ich muß schon jetzt wie eine Maschine tätig sein und halte mir nur schwer den Kopf frei für die neue Vorlesung über Religionsphilosophie, die doch sehr verantwortungsvoll ist. Vorläufig bin ich immer noch bei Hegel. Das ist nun doch einmal der größte Bau.
Täglich empfinde ich bei meiner Arbeit, daß wir Deutschen ganz und gar in der gemeineuropäischen Überlieferung wurzeln. Wenn man das jetzt abschneiden will, wenn man sich auf das imaginäre Nordische zurückziehen will, so schneidet man eben die Wurzeln ab.
Am 18.X. habe ich in der "Gesellschaft für Wehrwissenschaften" einen psychologischen Vortrag zu halten, am 22.X. in Magdeburg über "Goethe und die metaphysischen Offenbarungen" zu sprechen. Außerdem muß ich noch einen Nachruf für Engelhardt schreiben. Der Plan mit Brosius ist an der Devisenfrage gescheitert. Die Balten haben mit ihm kein ganz ehrliches Spiel getrieben.
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Andre Vorträge stehen bis jetzt für den ganzen Winter nicht in Aussicht!
Rückblickend muß ich sagen, daß Frau Witting uns nicht gerade 1. Klasse empfangen hat. Es ist wie damals, als wir beide dorthin kamen. Was nicht in ihre Gedankenlinie paßt, biegt sie ab. Dabei sollte sie doch auch einmal der Welt eines anderen - noch dazu eines so tatkräftigen Helfers - Rücksicht beweisen. Ich bin neugierig, ob Felizitas auf ihrer Reise hier vorspricht.
Der Herbst meldet sich hier nun doch. Das Verhältnis zu Strasens hat sich sehr gebessert. Es beginnt auch da, erwiesenermaßen, zu dämmern.
Wenn man nur irgendwo einen Hoffnungsschimmer sähe! Aber ich sehe garnichts. Unter solchen Umständen arbeitet es sich sehr schwer.
Vom Vorstand kam eine Karte. Die Handschrift deutet auf erfreuliches Befinden. Wie geht es Adele und Rösel Hecht? Hast Du Frieden mit dem Hauswirt? Liest Du irgendwelche Zeitung? Außer der Kirchensache enthalten sie wenig. In Württemberg ist der religiöse Konklikt nun auch bis auf die Straßen hin sichtbar.
<re. Rand>
Ich schließe mit innigen Wünschen u. Grüßen. Auch Susanne grüßt Dich herzlich.
Stets Dein Eduard.