Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21./22. Oktober 1934 (Berlin/Dahlem u. Magdeburg)


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Dahlem, den 21.X.34.
Mein innig Geliebtes!
Mein Brief hat sich leider etwas verzögert. Es lagen manche deprimierende Eindrücke vor. Das Hauptobjekt entnimmst Du aus dem in Abschrift mitgeteilten Schriftwechsel in einer meiner Ansicht längst erledigten Sache. Anscheinend sind von Freunden wie von Feinden - in entgegengesetzter Absicht - die Gerüchte über Zürich geflissentlich verbreitet worden. Die unfreundliche Form der Anfrage ist jetzt der Stil. Es ist unter den heutigen Verhältnissen nicht einmal sicher, ob sie überhaupt vollamtlich ist. Denn dort herrscht das Chaos. Der Wortlaut meiner Antwort ist beeinflußt durch Informationen von Fr., nach denen die Anfrage niemals nach Berlin gelangt ist. Sie stimmen mit meinen nicht überein. Aber irgend etwas Genaues ist in der Tat nicht zu erfahren gewesen.
Sturmzeichen auch sonst!
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Herrn Löpelmann ist durch ein Mitglied der Partei "befohlen" worden, die Beteiligung am Vorstand der Kantgesellschaft aufzugeben. Angsterfüllt hat er Folge geleistet. Natürlich habe ich telegraphisch ebenfalls mein Ausscheiden erklärt. Irgend etwas Direktes ist von dem lieben Mann nicht zu hören gewesen. Ich weiß nur von Sekretär Dr. Kuhn, daß man das A.A. mobil gemacht hat und daß "das Ministerium" erklärt haben soll, man verstünde nicht, worum L. ohne weiteres nachgegeben habe. Alles ist nun in der Schwebe. Leider ist der Gesandte v. Mutius, der sich für die K.G. tätig interessierte, prompt in diesem Augenblick gestorben.
Meinen Vortrag in der Gesellschaft für Wehrpolitik u. Wehrwissenschaften habe ich am Donnerstag mit gutem Erfolg, vor 200 Leuten, darunter viel Generäle, Marine etc. gehalten. Hinterher war ich mit Nieschling und Ogrowsky eine Stunde zusammen.
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Am Dienstag wollten wir zu Frankes gehen. Susanne hatte aber plötzlich einen Rheumatismusanfall im rechten Handgelenk, der sie beunruhigte, weil sie Schmerzen bisher überhaupt kaum kennt. Wir baten Kurzrock zu kommen. Ich ging allein zu Franke und besprach mit ihm die mitgeteilte Antwort. Mit Kurzrock unterhielt ich mich dann über Herrenalb. Er stimmte bald das Lied an, das jetzt alle singen, ohne unsre Stellung zu kennen. Der Rheumatismus hat sich schnell wieder empfohlen.
Heut haben wir bei Schmitt-Otts und bei Ermans Besuch gemacht. Nachm. waren Frau Gomies u. Erika bei uns. Es war sehr wohltuend; natürlich blieb nicht viel Arbeitszeit am Tage. Aber wozu der Eifer? Mir graut vor dem Anfang. Es lauert jetzt überall etwas im Hintergrund. Trost nur, daß es allen ähnlich geht u. alle gleich denken.
Morgen um 12 werde ich vereidigt und um 3 muß ich nach Magdeburg abfahren. Aber ich werde am Dienstag Mittag schon wieder zurück sein.
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Von vielen Fragen, die ich heut nicht erörtern kann - denn es ist spät - nur die eine: Ich habe Oesterreich zum Geburtstag gratuliert und ihm eine Anzeige geschickt. Bisher kein Wort. Können wir nun eigentlich die Verbindung aufrecht erhalten? Ich würde ja gern mit Caecilie weiter in gutem Verhältnis bleiben.
Borchardt hat Chrysanthemen geschickt, daß es nach Frau Strasens gutem Ausdruck so aussieht wie im Boudoir einer Primadonna. Susannes Kollegium desgleichen. Aber ihr Direktor hat mit keinem persönlichen Wort reagiert.
An Köhler in Schönbrunn habe ich eine Abhandlung geschickt.
Ich muß heut wohl abbrechen und weiß nicht, ob ich morgen Zeit habe, weiteres hinzuzufügen. Der Zustand hier ist doppelseitig: im Hause licht, die amtliche Situation ist düster u. unsicher. Deshalb bin ich eigentlich ziemlich weit unten. So viel ist gewiß: die Arbeit (für 3 andere Ordinarien mit) wird einfach nicht zu schaffen sein. Ob morgen ein Brief von Dir kommt? Ich erwarte ihn mit Ungeduld, natürlich.
<re. Rand>
Innigste Grüße Dein Eduard.

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22.10.34.
Heute kam Dein lieber Brief. Ich habe mich sehr gefreut und danke Dir herzlich.
Noch ein angenehmer Nachtrag. Nieschling wollte gehört haben, es sei unter den Studenten eine Beschwerdeschrift zum Unterschreiben in Umlauf gesetzt worden, daß ich in meinen Vorlesungen nicht genügend auf den gegenwärtigen Staat Bezug nähme. Dies ist entschieden böswillig behauptet. Im Winter habe ich es durchweg getan. Im Sommer ergaben die Vorlesungen dazu kaum Anlaß; im Seminar aber haben es genau dieselben verhindert, die sich nun darüber beschweren. Es ist einfach eine Hetze, wie bei Litt. Dabei soll man nun Freude an der Arbeit behalten.
Ich muß in die Stadt. Deshalb nur noch einen herzlichen Gruß! Auch Susanne grüßt vielmals.
Dein
Eduard.

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Der Preußische Minister Berlin, 11.10.34
Wie mir bekannt geworden ist, hatten Sie die Absicht, einem Rufe der schweizerischen Regierung auf den Lehrstuhl für Logik, Philosophie und Geschichte der Pädagogik an der Universität Zürich Folge zu leisten.
Ich ersuche, mich über den Stand der Angelegenheit zu unterrichten.
Im Auftrage
gez. Matthat
eigenhändige Unterschrift fehlt!!

An den Herrn Minister etc. Berlin, 18.10.34
Auf die Anfrage vom 11.10. d.J. teile ich folgendes mit:
Gelegentlich einer Vortragsreise durch die Schweiz Anfang März 193 wurde von der kantonalen Erziehungsdirektion Zürich die Anfrage an mich gerichtet, ob ich gegebenenfalls den freigewordenen Lehrstuhl für Philosophie und Pädagogik an der Universität Zürich übernehmen würde. Ich habe zu der Anfrage meinerseits keine Stellung genommen, sondern den Herrn Erziehungsdirektor auf den Weg amtlicher Verhandlung von Regierung zu Regierung verwiesen. Ob dieser Weg beschritten worden ist, ist mir nicht bekannt.
Spranger