Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27. Oktober 1934 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Eduard Spranger
Berlin-Dahlem=Dorf
Fabeckstr. 13>
27.X.34.
Mein innig Geliebtes!
Ich bin eben von Wittenberg zurückgekommen, wo ich 3 Stunden mit Litt "alles" durchgesprochen habe. Völlige Übereinstimmung im ethischen Werturteil. Er aber ist - jetzt - wagemutiger als ich und scheint den Bruch um der inneren Wahrhaftigkeit willen geradezu herbei zu wollen. Nuancen lassen sich leider brieflich nicht geben. Wir hatten für Mittwoch - nach meiner Rückkehr - Felizitas zu Mittag gebeten. Sie wohnt seit Montag in einem Hause an der Grenze von Machnow und Zehlendorf. Aber sie schrieb zurück, daß sie an einer hartnäckigen Magenverstimmung krank zu Bett liege u. nicht kommen könne. Auf meine Initiative hin fuhren wir am Mittwoch Nachm. zu ihr. Susanne wagte sich - ungern - vor. Ich wurde dann hinzugerufen. Wir erfuhren, daß es der Mutter wieder schlecht ginge
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| und daß sie Sehnsucht nach Felizitas hätte. Sie ist dann - trotz ihrer Krankheit - am Donnerstag nach München gefahren und wohl am Freitag eingetroffen. Natürlich bin auch ich voll Besorgnis um beide, besonders aber um Frau Witting, deren Anfälle schnell aufeinander wiederkehren.
Marja hat wieder den Schnupfen, der nach jenem Anfall immer eitrig wird; sie muß im Bett liegen.
Das Semester nähert sich, und mir graust.
Innerlich liegt es so: dem Manne nimmt die metaphysische und religiöse Einsamkeit niemand ab. Der eigentliche Kampf muß nach wie vor im stillsten geführt werden. Aber es erleichtert, wenn man immer eine treue Seele findet, zu der man reden kann. Auch wenn es nur das erleichternde Gefühl gibt, daß das Leben noch andere Seiten hat.
Susanne findet sich in die neuen Aufgaben langsam hinein. Es geht manchmal schwer, weil ziemlich unsystematisch. Der Teufel weiß z. B., aber weder Susanne noch M. Bon,
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| wo dies oder jenes Bild geblieben ist, das mir lieb ist. Aber es wird sich ja finden. Am Donnerstag war Damenkaffee bei Frau Franke. Man scheint sich da auch ziemlich einig gewesen zu sein.
Der Schluß meines Aufsatzes (Marienbad) ist ja ganz einfach: der Arzt muß beachten, ob sein Patient psychisch zum Genesungswillen neigt, raus will aus dem Bett, oder ob er das Kranksein lieb gewinnt. Allergie = Andersreagieren bedeutet hier Charakteränderungen auf Grund organischer Krankheit (z. B. Herzkrankheiten, Tuberkulose in späten Stadien, Psychosen.) Die Schlußbemerkung bezieht sich auf Beobachtungen in Neubabelsberg.
Die Kölnische Zeitung wollte telegr. von mir einen Artikel über neue Wissenschaftsauffassung, anscheinend gegen Kritik. Ich habe nur telegraphiert: Behandlung angeregten Themas für Zeitung inopportun. Litt hat den Aufsatz geschrieben. Er steht vielleicht schon in der heutigen Nummer.
Über die Kantgesellschaft noch keine Klarheit. Ich muß ehrliche Garantien haben.
Beim Kohletragen ist es besser, lieber viermal mit leichtem Gewicht statt einmal mit schwerem zu gehen.
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Wir wollen heut bei Petersens Besuch machen und dann im Jagdschloß Stern essen, zu Frau Bons Entlastung, die sehr heran muß. Im übrigen aber wird scharf gearbeitet, um dem Dienst Genüge zu tun. Zu etwas anderem kommt es in diesen Zeitläufen doch nicht. Religionsphilosophie hat mir lange fern gelegen. Und die "Philos. Grundl. der Päd." ist gefährlich, obwohl ich fast genau da stehe, wo Krieck 1922 - nur daß bei mir die Sachen besser durchdacht sind.
Verworrene Lage! Hard times - sagt ...... Löpelmann.
Viele innige Grüße! Auch Susanne grüßt natürlich. Stets Dein
Eduard.