Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3./4. November 1934 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 3.XI.34.
Mein innig Geliebtes!
Es ist mir schmerzlich bitter, daß Du zweimal nach der Ankunft eines persönlichsten Briefes fragen mußt. Zunächst: was mich betrifft, so gehen Deine Briefe zu mir und Deine Briefe zu Susanne zwischen ihr und mir so getrennt, daß ich mich nicht hineinzumischen wage. Ich höre jetzt auf Befragen, daß ihre Antwort erst etwa vorgestern abgegangen ist. Das ist nun so: sie kann nicht schreiben. Über ihr Empfinden sagt das garnichts. Auch in äußerlichen Dingen bin ich darauf gefaßt, daß ich die Feder führen muß. Ich habe ihr schon einmal gesagt, daß man nicht mit einem Füllfederhalter schreiben kann. Dann fließt es aus dem Rohr, nicht aus der Seele; nicht aus dem Eigensten. Aber damit muß man sich abfinden; es sind wesensmäßige Grenzen.
Wie ich sie früher gekannt habe, so
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| kenne ich sie jetzt. Das greift in Tiefen hinab, die auch ich kaum aussprechen kann. Es bleibt ein Unterschied zwischen der Frau und der Priesterin. Die Frau ist Gottes Offenbarung [über der Zeile] im Lebendigen, und so liebe ich sie. Die Priesterin - ein seltsam fremdes Wort freilich - hegt die Heiligtümer, die noch über dem Leben stehen. Sie ist die letzte, heiligste Instanz. In Deiner Seele ruhe ich für die Ewigkeit, wie nur im mütterlichen Bezirk. Das geht über die Zone, die der Mensch Glück nennt. Susanne gibt mir den Schimmer von Glück, dessen ich mit meiner glückfernen Natur fähig bin. Aber ich schrieb Dir schon einmal - ............ und ich schreibe es nicht wieder.
Wir werden uns einmal sprechen. Die Wahrheit fordert nur zu sagen, daß ich mit Susannes reiner kindlicher Natur glücklich bin. Aber ich soll vielleicht nicht glücklich sein.Wem täte das gut? Und wer Genesung sucht, ist schon an etwas gebunden, das nicht bleiben kann. Denn hinter allem steht der seelische und der leibliche Tod. Niemand stirbt leiblich, der nicht zuvor seelisch gestorben wäre.
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Ich kehre an das Tageslicht zurück. Wir wandeln heut alle zwischen der Verzweiflung, die die Nacht ist und dem Licht, das die Hoffnung ist.
Der Beginn der Vorlesungen, vielleicht vor der Ankunft vieler Studenten, zeigt doch den ungeheuren Absturz des Besuches. In der "Phil. Grundlegung der Päd." fand ich wenig über 200, in der Religionsphilosophie höchstens 350 - also weniger als je. Aber der Eindruck ist, daß es sich um echte Anhänger und dankbarer Hörer handelt. Im Seminar (Pest. u. Froebel) habe ich die Teilnehmerzahl ausdrücklich begrenzt - es sind nur 25 - Ausländer bis zu den Hottentotten und gute alte Freunde - sicher aber auch 2 Horchposten, also eine schwierige Situation. "Du hörst es ja, von Freud' ist nicht die Rede." Das Semester ist Übergangszeit, d. h. entweder veredelt sich die Sache, oder sie geht, nach Wunsch [unter der Zeile] der off. Stellen: - ganz kaputt.
Frau Witting hat einen Schlaganfall gehabt. Sie hat mir in ihrer gewohnten Lebenskraft schon wieder einen Brief von 3 Seiten geschrieben, während Felizitas, die sich die Gelbsucht geholt hat, noch schweigt.
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Etwa 40 jüngere Freunde haben uns die Plakette [über der Zeile] von mir in Bronze geschenkt, die ein Spezialist Dantert hier im Hause angefertigt hat. Sie befriedigt mich garnicht. Aber die Freundschaft ist erfreulich.
Obwohl ich jetzt außerhalb aller "Wissenden" existiere, habe ich den Eindruck, als ob in der Saarfrage der Stoff zu schwersten Verwicklungen läge. Und alles geht doch eigentlich so, daß es nicht gehen kann.
In der Kantgesellschaft hat der Minister Menzer genötigt, auch sein Amt niederzulegen. Die "Vorwürfe" sollen geprüft werden. Das heißt: Die Gesellschaft ist tot oder soll auf "normal" umfrisiert werden. Ob ich dann wieder hineingehe, ist mir zweifelhaft.
Dabei erhalte ich eben einen Brief von einem deutschen Schuldirektor im "befreundeten" Ausland, in dem zu lesen steht, das Verhalten jeder deutschen Gelehrten wirke jetzt symbolhaft. Ich fürchte mit jenem Briefschreiber, daß da nicht viel zu retten ist. Alle Stimmen lauten so.
Ich bin zu müde, um weiter zu schreiben.
felicissima notte! Eduard.

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4.XI
Ich habe gestern mit Susanne sehr ernst gesprochen; sie war sehr unglücklich, verstand aber, was ich ihr klar machte. Und sie ist innerlich überzeugt, daß es so nicht recht war, obwohl es von ihr nicht unrecht gemeint war.
Von Steiger hatte ich einen langen Brief. Ich werde Dir einmal wieder eine Sammelsendung schicken. Aber heut früh habe ich mit Warten auf die Post, mit einem Besuch und mit Suchen nach allerlei verkramten Schriftstücken nicht nur Zeit, sondern alle Laune verloren. Wir müssen jetzt fort (weil Gegenbesuchsgefahr!) zu Marcks u. Carl Körner. Um 2 kommt Frl. Besser zu Tisch, und wenn die fort ist, muß ich arbeiten. Die Zersplitterung ist genau die gleiche wie früher, nur ist man von dem offiziellen Deutschland wie abgeschnitten. Man fühlt sich denen gegenüber als Ausgestoßener.
Einen sehr interessanten Brief hatte ich aus Helsingfors. Alle Urteilsfähigen urteilen gleich.
Viel innige Grüße in restlosem Verstehen
Dein
Eduard.

[re. Rand] König Kolonos ist da - sehr schön! In Bonn schon aufgeführt, mit Erfolg.
[li. Rand] Abfallprodukt, i. h. eine wertvolle Persönl. zerfällt in minderwertige Äußerungsweisen.
            Aufbauelement: i. h. die naturhaften Faktoren sind selber ethisch geringwertig, sie werden dann veredelt.