Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. November 1934 (Berlin)


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12.11.34.
Mein innig Geliebtes!
Mein Brief kommt diesmal etwas später; denn am Sonnabend habe ich außer 9 Doktorkandidaten Besuch von Kuhn (K.G.) und Frl. Gruner (Vertretung v. Frl. Silber) gehabt; gestern war erst Frl. Lampert ergiebig da und dann Litts zu Mittag fast 4 Stunden. Da blieb nicht viel Bewegungsfreiheit.
Es ist an Wichtigem zunächst ganz vertraulich zu berichten, daß eine Anfrage gekommen ist, ob wir Euren berühmten Päd. als Ordinarius (wohl doch für Phil.) übernehmen würden. Dies war das Äußerste, was beruflilch noch in Erscheinung treten konnte, und seitdem es droht, bin ich ganz ruhig. "Nicht an die Güter hänge ......" Die Sache an sich, d. h. wenn ich nicht versetzt werde, ist garnicht einmal schlimm. Denn zum akademischen Mißerfolg des ersten (über den Se. Magnif. nur mit lautem Lachen redet) käme dann der des zweiten. Bei uns wenigstens heißt es, er sei als Dozent unbrauchbar. In diesem Zshg. muß ich gleich sagen, daß bis heute früh
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| der Besuch bei mir - sogar in der langweiligen päd. Vorlesung - ständig gewachsen ist, so daß sich das Bild von dem vor 2 ½ Jahren kaum erheblich unterscheidet. Das Gleiche berichtete Litt von sich, ja er erzählte sogar von Beifall stärkster Art bei Stellen, wo er nicht sein dürfte! Die gestern sehr feste und optimistische Haltung von L. hat auch mich etwas zuversichtlicher gemacht, zusammen mit außerakademischen Nachrichten, die besagen, daß im Hause vieles nicht mehr funktioniert. Meine persönlichen sonstigen Eindrücke bleiben allerdings ungünstig - vor allem ist die Fakultät in Berlin nichts wert; L. scheint besser zu sein.
In Litts Vortrag war Susanne allein. Er sprach sehr offen mit vielem Beifall und großer Sicherheit auch bei der Diskussion. Ich war ferngeblieben aus Protest gegen die Behandlung der K.G., die man wohl auf dem bekannten kalten Wege absterben lassen will.
In der Kirche scheint starke Zuversicht und viel Leben. 118 Theol. Prof. haben den Reibi zum Rücktritt aufgefordert, die theol. Dekane, an ihrer Spitze Er. Seeberg, allerdings das Gegenteil getan. Frl. Lampert erzählte von
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| gewaltigen Eindrücken in W. Sie ist kritisch und sieht auf ihren Reisen viel; aber sie zieht nie die letzte moralische Konsequenz. Da ich ihr das deutlich und höflich zum Ausdruck brachte, zog die Gute doch mit zerknirschter Seele ab.
Daß wir eine ziemlich mißlungene Plakette von mir bekommen haben, schrieb ich wohl schon. Dazu kam nun noch ein Gemisch von Schnapsflasche und Teeservice, zu dem die Verse von Brosius das Netteste waren. Unser Wunsch, daß alles still bleibe, hat sich auch sonst nicht erfüllt. Beim ersten Luftangriff können wir uns hinter lauter Glas verstecken.
Was der Kirchenrat gesagt hat, habe ich auch manchmal so empfunden. Aber ich möchte doch klare Fronten haben. Aus dem Prinzip des K.s. folgt nämlich umgekehrt, daß die Kirche zu vielem geschwiegen hat, wozu sie nicht schweigen durfte: als sei das Ganze nur eine jurist. Kompetenzfrage.
Verwandte von S. aus Saarbrücken habe ich bisher selbst nicht gesehen. Sie haben auch ganz Interessantes erzählt. - Ich hatte eine mühselige Woche mit vielen Staatsprüfungen und Fleißprüfungen. Eine Erleichte
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|rung bedeutet es, daß die Mittwochssprechstunde jetzt in Dahlem stattfindet. In der Stadt bin ich nur Dienstag ½ 12 - ½ 1 zu sprechen.
Selbst die Übungen haben sich bis zu der mir noch erwünschten Zahl aufgefüllt. Einer der von der Gegenseite wieder da ist; er - behauptete - vom vorigen Semester viel gehabt zu haben. Sicher sind auch wichtige Horchposten da; aber der Gegenstand bietet wenig Ansatzpunkte.
Zu eigner Arbeit komme ich natürlich nicht. Man hat mir den Vorsitz in der Berl. Ortsgruppe der Goethegesellsch. angeboten. Ich werde ihn wohl nehmen, da ich wenig Lust habe, in die umgestaltete K.G. zurückzukehren.
Ich schenke Dir einen "Kolonos". Die eigenhändige Namenszeichnung stammt aus m. Mitgliedschaft bei der "Eberhard König Gesellschaft." Man spielt auch ihm übel mit.
Flitner will zum 1.IV. die eigentl. Schriftl. endgiltig niederlegen. Es wird wohl unvermeidlich sein, daß ich sie übernehme; denn wenn ich auch Wenke zur Hilf heranziehen würde, so wäre er doch nicht Autorität genug, um heut selber zu zeichnen. Giese ist kommissarisch in Elbing und findet alles herrlich.
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Vorigen Sonntag waren wir bei Marcks, der ein Magengeschwür hat, und bei Carl Körners (Adalbert heiratet am 3.XII.) Frau M., eine sehr liebe Dame, erzählte von Behelligungen, die ihr Schwiegersohn erfahren hat. Leider hatte ich Deine Berichte nicht genug im Kopf, um mir ein Bild zu machen. Mittags war dann Frl. Besser da, ein tapferer u. gerader Mensch, nicht mit dem Lampertsglanz, aber eindeutig.
Es ist mir unerfreulich, daß ich den halben Stunden mit Marja nicht genügend Inhalt geben kann. Da spürt man dann den eigenen Mangel an Empirie und - an Gedächtnis. Ich kann keine Sagen und Geschichten erzählen.
Gleich werde ich zum Essen gerufen. Nachm. wollen wir Richters (Werner u. Ursula) besuchen, da ich in Nicolassee ohnehin beruflich etwas zu tun habe. Ich muß wohl abbrechen. Zeichnest Du noch bei dem dunklen Wetter? Es gongt! Grüße mir alle Deine Freunde, und sei herzlichst von "mir selbst" gegrüßt. Susanne schließt sich an.
Viel innige Wünsche
Dein
Eduard.