Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. November 1934 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem 23.XI.34.  23 Uhr.
Mein innig Geliebtes!
Ich bin heut Vormittag zur Vorlesung gefahren, nachmittags zum Seminar (= Transportzeit von ca 4 Stunden) und soeben sind wir aus einem Vortrag, der 1 St. 40 Min. dauerte, des Grafen Keyserling nach Hause gekommen. Ich habe das Gefühl, daß mich einer 100 Min. lang mit einem Schlauch abgespritzt hat. Es war immerhin Cognac drin, u. deshalb bin ich noch nicht müde. Denn am müdesten macht Langeweile.
Seit mehr als 14 Tagen habe ich den üblichen Herbstschnupfen, dazu aber einen entwickelten Bronchialkatarrh, der sehr tief sitzt. Ich höre es in mir rasseln wie in einer Klapperschlange, u. die Sache beginnt doch, mir etwas bedenklich zu werden. Ich mache gelegentlich Atemübungen. Was hat Bethmann zu Deiner Flechte gesagt, und wie wird sie behandelt? Wir sind im Guten wie im Schlimmen leider "verflochten".
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Revue der äußeren Ereignisse: Geordneter Fortgang der Vorlesungen, bei gesteigertem u. bleibendem Besuch. Auch das Seminar läuft ordentlich. Es fehlt mir die naive Vertraulichkeit. Wir waren am Sonntag bei Frau Fehmer (Du weißt: Freundin Dora Ths.) und bei Stumpf, nachm. am Hügel von Riehl, dessen 10. Todestag am 21.XI. war, im Anschluß daran eine knappe Stunde bei Honigs. Besuch hatten wir von Frau Arnthal, von dem Rigaer Privatdocenten Celms (der bis 1920 in Moskau war: "ich habe das schon einmal erlebt; das ist mir alles schon bekannt; nur kann es in Dtschld nicht so lange dauern".) und von einem sehr intelligenten chinesischen Professor.) Ich war bei Dibelius, der gerade aus der Schutzhaft gekommen war und hörte mancherlei Einzelheiten. Bußtag war Arbeitstag, abends Mittwochsgesellschaft bei v. Ficker. Es besteht ein gewisses Interesse daran, festzustellen, was man an der Bergstr. von einer Familie Bieberbach in Bensheim oder Heppen
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oder da herum weiß. Angeblich soll es dort einen Psychiater dieses Namens gegeben haben. Du weißt, ich interessiere mich jetzt für Rassefragen. - Nächste Woche habe ich wieder 12 Doktorkandidaten.
Die Frage, wer der Bekenntnisbewegung beitreten kann, wird auch hier viel erörtert. Gerade gestern sprach Meinecke mit mir darüber. Man hat ihn dort trotz seiner freien Haltung willkommen geheißen. Ich bin meinerseits der Meinung, daß diese Bewegung dem Sinne nach mehr als eine innerkirchliche ist, auch wenn sie es selbst noch nicht spüren sollte. Es scheint mir recht, daß Du ihr beigetreten bist. Vielleicht tue ich es auch einmal. Aber Du verstehst ja, daß ich (nicht qua Beamter, sondern <gestrichenes unleserliches Wort> qua allgemeiner Bekannter) doch sehr abwägen muß, was ich entschieden bejahe. Und da stehe ich allerdings anders. Denn ich glaube nicht nur an die einmalige historische Offenbarung, sondern an die immerwährende Offenbarung, die aber durch das immer neu(e) umkämpfte u. angeeignete Christentum ihre tiefere Deutung erfährt.
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Es herrscht hier zunehmende moralische Erbitterung, nicht mehr standpunktmäße Ablehnung, Besonders fühle ich das bei einem Mann, der früher in Heidelberg war, jetzt in Dahlem wohnt u. ebenso viel hustet wie ich. Das Haus meines Hauswirts ist Sodom u. Gomorrha. Der Wirt selbst säuft u. wird allgemein mißachtet. In Sachen der K.G. keine Klärung, von meiner Seite keine Neigung zum Entgegenkommen. Man bemerkt, seitdem die K. festhält, selbst bei uns die Neigung zum Halten von Positionen.
Wir haben morgen vor, den freien Tag des Semesters zu machen u. - allerdings erst ziemlich spät - nach Buckow zu fahren. Um 7 werden wir schon wieder zurück sein. Bis Weihnachten ist dann keine Pause mehr. Das "Dahlem" ist für meine Kräfte verhängnisvoll. Meistens dreimal in der Woche muß ich zweimal in die Stadt, und zum Auto langt's nicht mehr.
Meine Gedanken eilen manchmal schon kühn voraus und halten sich an die Hoffnung, daß wir uns nach Weihnachten, wenn auch "sparsam" nur kurz, in der Mitte treffen. Ich dachte an Gotha, <gestrichenes unleserlichen Wort> ev. an Eisenach.
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Ausländische Freunde interessieren sich aufs neue für mich, besonders Kerenyi in Ungarn übersetzt das Teebuch der Croner - man muß das mitnehmen. Die ganze Akademie lebt ja nur noch von ihrem Auslandskredit.
Aus den beiliegenden Drucksachen entnimmst Du etwas über Geschenke, die leider eingegangen sind. Susannes Verwandte haben sich sehr angestrengt, meine Verwandten waren vernünftiger.
Eine fama meldet, Krieck erhalte dieselbe Funktion wie Bäumler, u. die Ernennung sei vollzogen. In H. soll er im letzten Semester mit 8 Hörern geschlossen haben. Dieser Ringkampf wird für mich nicht sehr schwer werden. Aber denke Dir das kollegiale Verhältnis! Bernhard Schwarz soll auch schon zu voller Einsicht gelangt sein. Ros. aber übt eine immer schlimmere Tyrannei. Ich denke hinsichtlich der geistigen Prognose optimistischer, hinsichtlich
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| der deutschen Charakterdiagnose immer gleich pessimistisch. Es ist eben - wie Louvaris sagte - eine Invasion, der z. B. die Familie Seeberg (oh ihr Balten) total erlegen ist. Aus den Trümmern wird sehr schwer etwas zu machen sein.
Von Hans Heyse höre ich, daß er das ganze Christentum für einen Fehlweg halten soll, der die Antike entstellt habe. Mag das sein wie es will: der Mensch hat doch nie einen eigenen Gedanken und läuft mit jedem mit, der ihm einmal Eindruck macht. Richters meinten, Adelheid sei mit ihm ganz eins und bewundere ihn. So kommt man - doch eigentlich nicht auseinander, sondern es stellt sich nur immer wieder die Gewißheit her, die im Grunde längst bestand. Zu Lore besteht trotz ihrer Bizarrerie ein engeres Band. Königsberg stand mir im Grunde fern. Man war aber
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| bemüht, zu einander zu halten, und Adelheid teils in löblicher Weise noch jetzt, wie ich es ja auch versucht habe. Der Hermann wird vielleicht wieder ein Band.
Aber was machen wir mit Oesterreich? Soll ich es auch so halten: Caecilie festhalten - mit den Eltern abwarten? - Der guten Hermine dachte ich bald 15 M zu Weihnachten zu schicken. Sonst muß manches verkürzt werden. Denn Nebeneinnahmen bleiben fast ganz aus. Q. u. M. wünschen eine Neufassung der Jps. Aber ich habe dazu aus vielen Gründen keine Neigung.
Es geht auf 12, aber ich löse mich schwer aus dem Gespräch mit Dir. Denn ich bin seltsam wach. Die ahnengegenwartige Anspritzung von Keyserling hat mich anscheinend doch aufgestachelt, während Susanne geradezu klassische Gähnübungen auf dem Heimweg machte. Aber es muß nun doch
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| - Gott, was für ein Lutherklecks! <Klecks am Rand> - wohl einmal ein Ende gemacht werden. Denn morgen soll ich um ¾ 9 fortgehen. Im Haushalt ist schon die werdende Spannung Margret - Susanne spürbar. Denn die erstere "liebt sich bald die unbedingte Ruh." Ich rede immer zum Guten, des Kindes wegen, das ja auch keinen Pflichtantrieb hat, aber in seiner Lieblichkeit und Selbstverständlichkeit uns beiden doch unentbehrlich ist. - Der berüchtigte Dahlemer Fassadenkletterer hat uns noch nicht besucht. Er fände nur im doppelsinnigen "Silberzimmer" etwas. Frl. Silber hat von der Operation nicht die erhoffte Wirkung. Sie kann nur den Schuldienst schaffen, u. wir haben unser Verhältnis gelöst. Feilchenfeld ist trotz meiner Petition aus dem Schuldienst entfernt.
Aber das ist ja nun ein richtiges Kaffeegeschwätz ohne Faden u. Ordnung. Daher nun wirklich Schluß mit tausend innigen Grüßen u. Wünschen
Dein Eduard.