Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27. November 1934 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 27. Nov. 34.
Mein innig Geliebtes!
Heute habe ich einen akuten Anlaß zum Schreiben, auf den ich gleich kommen werde. Wir waren am Sonnabend für 5 Stunden, denen 6 Stunden Hin- und Rückfahrt gegenüberstanden bei starkem Nebel in Buckow. Sonntag Vorm. nahm der Stahlhelm an dem Gottesdienst des Totensonntags in der kleinen Kirche teil, wobei ich zum 1. Mal nach langer Zeit wiederstrebend den grauen Rock trug. Mittags besuchten uns Petersens. Gestern waren Doktorprüfungen; heut kam ich nach vielen Geschäften 2 Minuten vor 4 mit dem Auto nach Haus, um von 4-7  6 Kandidaten zu prüfen. Es ist übrigens märchenhaft, was für eine Elite 1. Ranges jetzt durch die Doktorprüfung geht. Ich habe so etwas noch nicht erlebt.
Also ich bitte Dich, wenn Du kannst, jemanden vorsichtig zu entsenden, um über den Besuch von K.s Vorlesungen und
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| über den Geist dieser Stunden etwas festzustellen. Es heißt, daß er im letzten Semester mit 8 Leuten geschlossen habe. Dies ist keine unerlaubte Spionage, sondern der Wunsch der hiesigen amtlichen Fakultätsstelle; man will sich über nicht auf die Gerüchte, die eindeutig genug sind, beschränken, sondern Auskünfte haben, die verantwortlich und zuverlässig sind.
Unser geschäftstüchtiger Freund, mit dem wir bei stürmischen Wetter über den Bodensee fuhren, hat sich aktiv eingeschaltet und bereits eine wichtige Stelle gewonnen, die entschlossen ist, die Sache zum Fall zu bringen, auf dem Wege über die Spitzen. Nun muß unser Gutachten entschieden lauten. Unser Dekan, der doch vermutlich Pg. ist, macht mir einen ganz ausgezeichneten Eindruck und benimmt sich auch hierin nicht nur sachlich-ernst, sondern begegnet mir in einer so angenehmen Form, daß ich ihm dankbar bin. B - wünscht
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| natürlich keine Argumente, die sich auf fehlenden Lehrerfolg beziehen. G. hat jenen Mächtigen erklärt, einem Privatdozenten könne es natürlich nur erwünscht sein, wenn so eine Null käme.
Du irrst, wenn Du meinst, es ginge nichts vor. Die heutige Abendzeitung beleuchtet gleißnerisch kritische Hintergründe. Schon wenn man die Baseler Nachrichten liest, kann man vieles ahnen. Aber eine Linie in die Zukunft ist nicht erkennbar. Die Prognose lautet: normale Wetterentwicklung durch jederzeit mögliche Gewitter unberechenbar. Mehr möchte ich nicht schreiben. Ich bin überhaupt nach dem langen schweren Tage sehr erschöpft. Deshalb nur diese Andeutungen.
Wann wird Deine Aufwartefrau wieder tätig sein können. Du bist nach vielen Seiten hin beansprucht. Wenn nur das Zeichnen nicht gerade in die dunkelste Zeit fiele! Dem Herrn Kohler habe ich eine Akademieabhandlung geschickt, - schon
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| vor Wochen. Bitte sage mir Deine Meinung über den Fall Oesterreich.
Schade, daß man so vieles, was ebenso grotesk wie tragisch ist, nicht berühren kann. Marja redet täglich schon von Weinachten! Ich mache es im stillen ebenso und wünschte nur, daß finanziell noch die alte Bewegungsfreiheit bestünde. Für die "Erziehung" habe ich mit starkem Erfolg das befreundete Ausland alarmiert. Aber viel ist ja da auch nicht zu wollen - cf. das Verhalten in Prag und die bedrohlich unklare Situation unsrer "Freunde" Ungarn u. Jugoslavien.
Morgen muß ich zum Persischen Gesandten (1000 Jahr Firdosi) Sonnabend Einladung zu Tigges. Karoline Lang ist auch hier. Und ein sehr angenehmer alter Forstmeister Faber aus dem Hause Scholz'ens suchte mich heut auf - man beginnt, sich für "Volk - Staat - Erziehung" zu interessieren.
Nun Schluß! Innigst Dein
Eduard.

[li. Rand] Wie verhält Rickert zu Kr.?
[re. Rand] Gestern ein sehr langer Brief von Johanna Richter aus Halifore, Canada, den ich Dir schicken werde. Ev. bitte erinnern.