Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8. Dezember 1934 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, 8.XII.34.
Mein innig Geliebtes!
Ich danke Dir für Deine Nachrichten. Am wenigsten hat mich darunter die Aussicht erfreut, daß Du von der Rohrbacher Str. scheiden müßtest. Ist das denn schon ganz sicher? Aus dem Hause läßt sich doch durch einen solchen Umbau nicht Vernünftiges machen. Natürlich wäre dies ein starker Grund für Heidelberg. Aber es steht entgegen, daß ich dann 2 volle Reisetage - verlöre, weil ich jetzt in der Bahn nur noch wenig lesen kann. Halle ist ganz ungeeignet (wegen Menzer, Herchenbach, Niemeyer etc.) Wir wollen das Wo und Wie noch unentscheiden lassen; nur den Plan selbst fortlassen.
Die Weiterentwicklung ist charakterisiert durch die Fälle Leisegang, Furtwängler und Dr. Weise, der aus s. Stellung beim Bundesamt des St. herausgesetzt ist; ferner durch den Ton der Äußerungen über die Kirchenfrage.
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In der letzten Zeit haben wir folgendes unternommen: Besuch bei Oncken und Meinecke, eine wahrhaft entzückende Stunde bei Borchardt in Pankow, der auch Deiner warm gedachte. (Solch ein Besuch kostet 4 Stunden.) Mittwoch war Christian Biermann zu Mittag hier, abends Mittwochsgesellschaft bei Exc. Drews. In der Akademie unsäglicher, nervös machender Kleinkram. Gestern: Vorm. in die Stadt zur Vorlesung, nachm. in die Stadt zum Seminar (wo ich die Arbeit großenteils allein mache) Abends um ½ 10 Vortrag (Die seelischen Faktoren im Leben des Soldaten) im Dahl. Stahlhelm, Heimkehr 12 ½. Der "Appell" war sehr gut besucht, mindestens 120 Leute, darunter mehrere Notable. Der Kreis ist im ganzen erfreulich. Oger meiner treu besorgt. Heut habe ich ca 5 Stunden Examen, abends Einladung zu Franke. (Wir waren übrigens heut vor 8 Tagen bei Tigges, wo eine Frau Quincke war, die von der Verwandtschaft mit Heidelberg anscheinend nichts wußte.) Auch morgen sind Prüfungen, Montag u. Dienstag Staatsprüfungen, Mittwoch und Donnerstag wieder Doktorprüfungen; dann Schluß damit für dieses Jahr.
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Ich habe 2 wirklich ausgezeichnete Vorlesungen über Hegel gehalten. Der Besuch ist unvermindert stark. Christian erzählte, daß bei B. 70 seien, bei H. ca 150. Aber man will ja solche Wirkung garnicht; im Gegenteil, man fürchtet sie. Deshalb scheint mir alles andauernd unsicher. Nach dem 13.I. wird man wohl kulturpolitisch noch stärker eingreifen; hinsichtlich der Kirche ist das schon ausgesprochen worden. Als ich neulich Dibelius besuchte, war er gerade aus der Schutzhaft genommen.
Hermine habe ich 20 M geschickt. Für Caecilie mußt Du in unser beider Namen sorgen. Ich werde im Höchstfall den Kolonos senden. Denn die feindselige Haltung ist doch ohnegleichen. Kann ich Dir eine Kleinigkeit für den Weihnachtstisch schicken? Die eigentliche Feier soll ja unser Zusammensein werden. Meine Berechnungen mit Susanne ergeben immer wieder, daß wir z. Z. mehr ausgegeben haben, als ein kommt, 75 M für das Hochzeitsgeschenk für Adalbert ist natürlich ein einschneidender Posten. Aber vieles andere ist im Zuschnitt immer noch zu luxuriös, obwohl ich bei den regelmäßigen Gehältern jetzt monatlich 55 M ca. spare. Miete kostet z. Z. keinen Pfennig. Wie machen das nur
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| andere?
Ich habe hier eine Sammlung von Briefen herausgesucht, bitte aber um Rücksendung wenn möglich noch vor Weihnachten.
Rickert, als neues Akademiemitglied, hat mir geschrieben. In der Antwort habe ich ihm dieselbe berufliche Frage vorgelegt wie Dir.¹) [re. Rand] ¹) seltsam <1 Wort unleserlich> Antwort eingetroffen
Von Zeit zu Zeit etwas Erfreuliches: so der Besuch eines Forstmeisters a.D. aus Lüneburg in m. Vorlesung, der mit dem Hause Scholz befreundet war. Auch Tietjen war mal kurz da. Von Vorträgen steht nur einer im März in Stade in Aussicht; sonst schläft diese Seite des geistigen Lebens, natürlich. In Sachen der K.G. war ich einmal auf dem A.A. mit angenehmen Leuten. Aber - sonderbar, höchst sonderbar.
Ich bin immer mit den Hauptarbeiten im Rückstand. Deshalb werde ich wohl für heut abbrechen müssen. Ich hoffe, daß die Flechte endgiltig bekämpft ist und daß Du Dich im Hause nicht zu sehr abquälst. Susanne dankt für Deinen lieben Gruß u. erwidert ihn herzlichst. Gestern war sie mit ihrer alten Klasse im Krug und kurz im Hause. In innigstem Gedenken
Dein Eduard.

[li. Rand] Die Sache mit Heppenheim wird stimmen. Ich würde zu gern etwas über die Konfession erfahren. Aber wie?