Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Dezember 1934 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 22. Dez. 1934.
Mein innig Geliebtes!
Eben - 22 Uhr - komme ich vom Anhalter Bahnhof zurück, wo ich Louvaris verabschiedet habe. Ich öffne Deinen lieben Brief und bin erstaunt, daß Du nähere Nachrichten über unser Treffen vermißt. Die Sache selbst war doch im ganzen vereinbart - für kurz nach Weihnachten und irgendwo in der Mitte. Jetzt dachte ich, daß es sich nur noch um den genauen Tag und die Zielstation für das Billet¹) [Fuß] ¹) Weihnachtsrückfahrkarte möglich? handelte. Über den Tag verständigt man sich am besten erst, wenn man einigermaßen gewiß ist, ihn auch innehalten zu können. Du mußt bedenken, daß man hier aus den Aufregungen u. Anstrengungen nicht herauskommt und daß die Weihnachtszeit ohnehin über meine Kräfte geht. Schließlich muß ich auch ein paar Besorgungen selbst machen; aber das war bis heut 22.XII. nicht möglich.
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Ich möchte Dich also bitten, mit meinem Vorschlag Gotha einverstanden zu sein. Es kämen noch Arnstadt u. Eisenach in Betracht; aber das eine ist zu still, das andere zu laut. Von Gotha haben wir Friedrichroda ganz nah. Mir wäre es am liebsten, wenn wir am 29. von unsrem Wohnsitz abreisten; den 30./31. hätten wir als volle Tage. Am 1. abends wäre ich gern zu Hause, weil ich sonst mit den Arbeiten nicht durchkomme. Gründe später. Dafür hoffe ich dann in Gotha selbst nichts Erhebliches arbeiten zu müssen. Ob Du einen durchgehenden Zug hast, kann ich leider wieder nicht feststellen. Es ist wie im vorigen Jahr. Und ich möchte versuchen, auf der Hinfahrt 2 Stunden in Leipzig Station zu machen (wegen Litt.)
Also:   ab Heidelberg      9.51.
an Frankfurt 11.18.
ab Frankfurt12.24.
an Gotha 16.02.
ab Berlin  9.05
an Leipzig    11.04.
ab Leipzig 13.22
an Gotha15.35.
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Ich muß dann aber erst ein Hotel suchen, bitte Dich also im Wartesaal II. Kl. zu bleiben, bis ich Dich hole.
Um gleich beim Geschäftlichen zu bleiben: Ich habe auf Dein städtisches Sparkassenbuch für 1935 zunächst 1200 M überweisen lassen. Bitte frage am 1. Geschäftstage nach dem Fest, ob der Betrag ordnungsgemäß gebucht ist.
Ich weiß nicht genau, bis wann ich Dir Bericht erstattet habe. Mein Gehirn wird merklich schwächer. Die Hauptpunkte sind diese: Am Sonnabend von ½ 5 - 8 war ein Tee für die eine Hälfte der Seminarmitglieder: wir waren alle zusammen 14 - harmonisch und langweilig wie meist; denn wo ich hinkomme erstirbt die Unterhaltung. Um ½ 9 gingen wir dann noch mit Marja zu dem überfüllten Stahlhelmweihnachtsfest und blieben bis ½ 12. Am Sonntag Vorm. hatte ich ein rares Gesicht, von dem ich erzählen werde. Den ganzen¹) [li. Rand] ¹) falsch: wir waren bei Fechners, wesentlich wegen der 1. Begegnung mit Marg. Thümmel. also: abends. Nachmittag hatte ich stark zu arbeiten für eine ge
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|fährliche Vorlesung am Montag. An diesem Tage, an dem ich die Gefahrenzone berührte, scheint für Litt auch die Schlinge geschnürt [über der Zeile] worden zu sein. Ich habe aber erst später davon gehört. Montag Nachm. machten wir pflichtmäßig den erbetenen Besuch bei Excellenz Danneel. Die Sache verlief sehr wenig nervenfreundlich. Denn die 82. jährige Gebieterin erlitt nach 10 Minuten einen schweren Herzanfall; sie konnte sich nicht erholen und wir konnten nicht aus dem Hause. Am Abend kam Louvaris ohne uns zu treffen. Wir baten ihn dann zu Dienstag Abend, Freitag Mittag und heut zum Tee. Dienstag Nachmittag war aber außerdem stundenlang Gruehn aus Dorpat da und Freitag gleich nach Louvaris mein alter Leipziger Hörer Prof. Tomoeda aus Tokio. In der Sprechstunde am Mittwoch war Prof. Faust aus Heidelberg, worüber mündlich; Helfried Hartmann - dgl. Außerdem aber Anneliese Maier. Donnerstag war die Kriecksitzung, die "entsprechend" verlief. Oncken sprach in der Akademie. Ich mußte den ganzen Tag
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| in der Stadt bleiben. Freitag gab es ebenfalls keine Mittagsruhe, dafür aber nach 2 Besuchen abends Stahlhelm u. nachts Weihnachtsberatung. Der Verleger Meiner, der dazwischen kam, nötigte mich, heut [über der Zeile] (mittags) eigens in die Stadt zu fahren, obwohl ich einen dringend bestellten Aufsatz für die Kölnische Zeitung schreiben mußte. Ich kam noch rechtzeitig zurück um Briefe zu diktieren, das Ms. abzuschließen, Louvaris zu sehen, ein paar Weihnachtsgrüße zu schreiben, und nun bin ich zum zweiten Mal aus der Stadt zurückgekehrt, um Deinen Zorn zu empfangen.
Marja hat das m. E. verdiente miserable Zeugnis, das die Versetzung zu Ostern in Frage stellt. Ich habe das Subjekt von Louvaris behandeln lassen (verschärfte Strafmethode!) und die Mutter des Subjekts heut früh von meiner Meinung in Kenntnis gesetzt. Beides absichtlich so kräftig, daß nun Weihnachten ungetrübt sein darf, ohne daß der pädagogische Erfolg leidet.
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Vor 3 Tagen hat man uns einen russischen Ukas zugestellt: das Semester endet am 15.II. (Wie man fertig wird, Nebensache!) das neue beginnt am 1. April. Ostersonnabend ist frei, sonst nichts bis zum 29. Juni. Das neue Semester im jetzt beabsichtigten Turnus beginnt am 8. September. Lauter Quatsch. Klar ist nur, daß die Reichenau für uns erledigt ist. Denn zwischen dem 1. Juli und dem 8. September ist sie unbrauchbar.
Diagnose und Prognose sind sehr verschieden. Darüber wird man reden müssen. Es hat keinen Zweck heut Andeutungen zu machen. Deine Mitteilung über den mich unmittelbar berührenden Fall ist mir sehr wertvoll; denn ganz so habe ich die Sache aus der Ferne beurteilt. Und es ist abscheulich, daß die Ricken und die Fauste das einfach totschweigen.
Die Dinge liegen hier oft so, daß ich alles geschenkte Porzellan zerschlagen möchte. Es hat aber schon viele Sprünge
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Frau Witting scheint trotz tapferer Gegenwehr im allmählichen Verlöschen. Aber Ihre Briefe zeigen noch eine klare Handschrift und sind voll von innerem Leben. Das begreift man doch nie, wie das totzukriegen ist.
Für die Weihnachtsferien liegt ein Stoß von Dissertationen da. Eine kleine Sache muß ich endlich fixieren, weil ich gerade jetzt wieder einmal das Material im Kopf parat habe. Am 4.I. ist eine Theatersitzung der Akademie. Am 8.I. muß ich wieder anfangen, und alles, was bis zum 28.II fertig werden sollte, muß eben bis zum 15.II. fertig werden. In der Kaserne geht es nicht anders.
Morgen ist hier "Großkampftag." Ich werde aber meinen Weihnachtsgruß noch hinzufügen. Den Regenschirm bitte zu wölben.
Von Hermine kamen Schwarzwaldtannenzapfen. Aber ich kann nun nicht mehr.
Innigst Dein
Eduard.

[re. Rand S. 3] Sonnabend Vormittag war der alte Stumpf eine ganze Stunde bei uns.