Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29. Juni 1934 (Heidelberg)


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Heidelberg. 29. Juni 1934.
Mein geliebtes Herz!
Das war eine unerwartet rasche Erfüllung meines Wunsches nach Nachricht, als ich beim Fortgehen mit der Karte Deinen lieben Brief unten fand. Ich danke Dir herzlich, daß Du Dir am 27. sogar die Zeit zum Schreiben nahmst! Aber ärgerlich bin ich, daß das Packet nicht pünktlich war. Ich hatte es Montag vormittags zur Post gegeben. - Die Bilderchen betrachte ich viel und freue mich an der starken Ausdrucksfähigkeit. - Was Du sonst schreibst, ist aber leider nicht zum Freuen. Wenn Du meinen Brief so verstehen konntest, wie er gemeint war, dann hast Du darin die gleiche Grundstimmung gespürt, die aus dem Deinen klingt, dieselbe Besorgnis, dieselben Zweifel. In der einen Sache ist nun aber die Ungewißheit zu Ende und es ist so geworden, wie ich bei der ersten Äußerung von St. vermutete. Wenn ich auch dauernd das Problematische dabei sehr stark empfand, so hätte ich es doch einfach anständig gefunden, wenn wenigstens eine offizielle Anfrage gekommen wäre. Jetzt will ich es als eine gute Wendung der Dinge ansehen, daß eine persönliche Entscheidung nicht notwendig wurde. Denn freien Herzens wäre sie doch nicht zu fassen gewesen. - - Ich frage mich auch immer, wie es möglich ist, daß alles so wurde; es scheint mir nicht deutsche
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| Wesensart, sondern nur Krankheit durch Suggestion. Möchte sich bald gesunde Abwehr im Organismus fühlbar machen und durchdringen. -
Steiger unterbrach mich beim Schreiben und erzählte, daß "die Studenten" gegen Andreas eingenommen seien. Man wolle vom Lehrer, daß er für den Schüler bereit sei, aber nicht seine Überlegenheit fühlen lasse. Auch sei wohl mancher bedrückt durch die weltmännische Art, die nicht Volksverbundenheit sondern Standesunterschied markiere. Man verträgt eben in keiner Form Überlegenheit!
Möchte wenigstens eine "Bändigung" in erträglicher Form möglich bleiben. Vielleicht erlahmt der Angriffswille, wenn er keinen Erfolg hat? - Niemand kann mehr tun, als der inneren Notwendigkeit folgen und auf diesem Wege geht man doch immer am sichersten, mag er auch gefährlich aussehen. Manchmal erscheint mir die Realität wie ein böser Traum, der bald vorübergehen wird. Von dieser Welt aus kann ich sogar die moderne Theologie verstehen, denn ihr scheint jeder höhere Sinn zu mangeln. - "Und ob es währt bis an die Nacht und wieder an den Morgen, soll doch mein Herz an Gottes Macht verzweifeln nicht, noch sorgen" - sondern ich will darauf vertrauen, daß Deine Kraft durchhalten wird, allen Fährnissen zum Trotz.
Ich will diesen Zettel noch zur Post bringen. Drum gute Nacht! - Montag abend wird Hermann mit Tochter hier durchkommen. Er ist unternehmend, daß er in die Schweiz will! -
Sei innig gegrüßt.
Deine Käthe.