Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16. November 1934 (Heidelberg)


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Heidelberg. 16. Nov. 1934.
Mein geliebtes Herz,
Du darfst mich nicht auslachen, wenn ich sage: ich habe heut eigentlich gar keine Zeit! Es hat sich nämlich im Augenblick so viel zusammengedrängt, daß ich bei meiner Langsamkeit gar nicht durchkomme. Die Hausarbeit wartet täglich von neuem, öfters koche ich mir auch selbst; am Montag hat sich die Schneiderin angesagt und dazu muß ich noch ein Kleid auftrennen! Die Zeichnungen für Dr. Ewald gehen weiter und dazu kommt nun seit heute ein Auftrag für eine Wandtafel in die Frauenklinik. Ich bin sehr froh darüber, aber ich ärgere mich, daß immer alles zugleich sein muß. Denn auch mit dem Wintermantel bin ich erst bis auf den Pelzkragen fertig. -
Lauter Lappalien, nicht mehr, aber man braucht Zeit dafür. - - Dein Brief hat mich durch seine Grundstimmung sehr erfreut; es war mir recht tröstlich durch Deine Eindrücke im Kolleg. Daran wird sich auch bestimmt nichts ändern, wenn die erwähnte Leuchte wirklich zu Euch käme. Man hört allgemein, er sei als Dozent unbeliebt. - - Was übrigens den Schwiegersohn von M. betrifft, so ist er selbst schuld. Er hat s. Z. zu plötzlich umgeschwenkt und ist charakterlich nicht angesehen. Die Studenten durchschauen sein eitles und wenig gehaltvolles Wesen. Es ist schön, daß sie das Gefühl fürs Erste behalten haben und nun auch wieder unbefangener Kund geben.
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| Die bewußten 10% haben wohl nicht mehr die Oberhand.
Und in der Kirche? Ja, es ist da neues Leben erwacht, und der Gottesdienst, den ich am vorigen Sonntag erlebte, hat mich wieder Fühlung damit gewinnen lassen. Der hiesige Ordinarius Hupfeld hielt die Predigt und er sprach sehr schlicht und natürlich, aber so aus innerer Erfülltheit heraus, daß man mit jedem Worte mitfühlen konnte. Dann traten all die hiesigen Geistlichen, die sich zur Bekenntnisgemeinschaft entschlossen haben zu beiden Seiten des Altars, und jeder bekannte sich mit einem schönen Spruch zur Sache. Es war ein feierlicher und bedeutender Augenblick. Von den hiesigen fehlen nur Hauß, der aber auch schon schwankend sein soll, und Weiß, sowie der eine Pfarrer von Neuenheim und der von Schlierbach.x [li. Rand] x unser Labi hat seinen Austritt aus den D.C. erklärt. Wie kommt mir aber E. Seeberg vor! - In meinem Bekanntenkreis ist man eifrig dabei, jetzt Unterschriften in den Gemeinden zu sammeln. Ich habe die meine gegeben. Es kann ja sein, daß im Fortgang die Entwicklung nicht hält, was sie jetzt verspricht, dann muß ich die Consequenz ziehen. Im Augenblick fühle ich das echte Leben und eine erneute, freiere Gesinnung, die nicht am Wort klebt, sondern vom Geist ergriffen ist. Nur von hier kann die Kirche wachsen.
Alle "die unsern Herrn Jesus Christus lieb haben", sind ihnen willkommen, und das Bekenntnis begann damit, daß auf allen Seiten viel versäumt worden sei. - Am Morgen hatte ein Geistlicher aus Nürnberg gepredigt und solch schönes Gleichnis gebraucht, das H. wiederholte: Ein großer Sturm geht reinigend durch die Welt, alles
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| Morsche zerbrechend und wegfegend. Der treffe auch mit seiner Wucht die Kirche, daß sie in den Grundfesten bebt; und auf dem Turm breitet das Kreuz seine Arme aus und er erfaßt sie mit seiner Gewalt. Da sagten wohl Leute, man solle es drehen - aber aus dem Kreuz könne man keine Wetterfahne machen. -
Die Bewegung sei im Fluß und ein kleiner [über der Zeile] sichtbarer Erfolg sei wohl vorhanden, aber noch könne man nicht wissen, wie weit er gehen wird.
All dies paßte merkwürdig zu meiner Abendlektüre im Fichte. Ich habe es schwer gehabt, mich einzulesen, denn es ist eine sehr umständliche Sprache; und das Büchlein ist eine Originalausgabe mit der ungewohnten Interpunktion, bei der ich immer noch stutze, weil sie mir den Sinn zerreißt. - Darum war ich verblüfft, als es hieß: "Das Element des wahrhaftigen Lebens ist der Gedanke." Du weißt, ich halte es mit der Gewißheit, die kein Wissen ist - und gerade die meint er doch, wenn er davon spricht, daß wir ganz und gar eins werden sollen mit Christus und dadurch mit Gott. - Aber von Seite 98/99 an, daß man stehende Grundsätze, eine Annahme über Gott haben müsse, wenn man sich religiös nennen will - von da an habe ich mit steigender Anteilnahme gelesen. Und immer mehr tritt die Innerlichkeit heraus.
Sehr zeitgemäß ist die Abneigung gegen das Jüdische. (6. Vorles.) Gegen die Schöpfung - das scheint mir seltsam. Denn das ist doch eine herrliche, tiefsinnige Dichtung, die
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| die ein ahnungsvolles Verstehen vom Wesen der Wirklichkeit gibt; während mir die These: der Begriff (das "Wort") ist Schöpfer - kahl und nüchtern scheint. Dagegen ist die fünffache Stufenfolge der Erkenntnis sehr lebenswahr.
- Was Du mit den klaren Fronten meinst, versteh ich nicht ganz. Denn daß die Kirche zunächst überrumpelt wurde, ist doch natürlich. Jetzt aber hat sich eine innere Einheit hergestellt, die echt ist. - Ich wollte, sie wäre auch in der Uni zu schaffen. Aber da hat es ja nun ja an Einsicht in die gemeinsamen Interessen und die große Sache gefehlt.
Für den Kolonos danke ich Dir herzlich. Ich will es erst an einem stilleren Tage lesen, denn jetzt bin ich nur mit Fichte beschäftigt. Am Tage nehm ich mir keine Zeit dazu. Du fragst so lieb nach der Arbeit <2-3 Wörter wegen Knick unleserlich>. Ja, es war zeitweise recht mühsam, aber jetzt ists heller. Ich brauche auch viel Schlaf, obgleich mirs im ganzen besser geht, seit die Kälte einsetzt. Dagegen war ich heute bei Bethmann, weil sich an der linken Hand Spuren von einer Flechte zeigen, die ich wenn möglich gleich im Beginn unterdrücken möchte. Verordnungen allerdings (außer einer Salbe) recht unbequem: kein [über der Zeile] Waschwasser!! Diät: kein Fleisch, keine Eier - viel Obst! - Er fragte sehr verständnisvoll nach Dir. - Neulich sprach mich auf der Straße ein junger Mann an: Albrecht Ruge, der Sohn von Arnold, Stud. med. im 1. Sem. - Es ist doch nett von dem Jungen, daß er solch alte Person nicht ignoriert, ich hätte ihn nicht erkannt.
Doch für heut genug. Ich muß noch nähen! Sei mir innig gegrüßt, mein liebes Herz, und laß es Dir weiter gut gehen. Wir müssen doch standhalten! (!)
Deine Käthe.

[li. Rand] Auch in der Natur stürmt es wieder, daß hinter den Doppelfenstern die Vorhänge wackeln.