Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. Januar 1935 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 13. Januar 1935.
Mein innig Geliebtes!
Du hast länger auf eine Nachricht von mir warten müssen, als mir verantwortlich erscheint. Aber es ging beim besten Willen nicht mit den Kräften, die nun einmal begrenzt sind. Ich schreibe Dir in später Stunde dieses entscheidungsreichen Tages, ohne Hoffnung, auch nur etwas vom Leben hier andeuten zu können - gleichsam nur, damit die Lücke nicht zu groß wird. Arbeit, Sorgen, Spannungen füllen jeden Moment aus. Aber auch Homer konnte aus dem Trojanischen Krieg zuletzt nur - ein Epos (= ursprünglich "ein Wort") machen.
Ich habe Deinen Reiseweg im stillen verfolgt. Annchen Malcus - man fragt sich da: wo liegt nun eigentlich der größere Heroismus: in dem Selbsterdulden und Mitleben, oder in dem Wegsehen und
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| Marschieren? Es freut mich, daß Du in Frankfurt bessere Eindrücke hattest. Aber die Ankunft bei 3° ist mir betrüblich, wenn ich denke, daß Du alle Briketts selbst schleppen mußt. Du solltest dafür doch eine vertrauenswürdige Hilfe suchen.
Meine aktive Existenz ist ziemlich banal: ich mußte wieder in die Vorlesungen hineinkommen, deren Besuch seit Donnerstag sich auf der bisherigen Höhe hält. Die Korrekturen der Pestalozziabhandlung kamen, und obwohl das nur 24 Seiten sind, macht es im kleinen für den Pflichttreuen eine ungeheure Mühe. Gestern hatte ich 9 Doktorprüfungen, heut eine, morgen 2, übermorgen 3 Stunden Staatsexamen und Mittwoch außer anderem 4 Doktorprüfungen. Die letzte Sprechstunde war kompliziert, ohne daß man einzelnes mitteilen könnte.
Die neue Habilitationsordnung besiegelt das Ende der Deutschen Universität, wie ich
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| von Ausländern bestätigen gehört habe. Ein Gespräch mit unserem geschäftstüchtigen Pd, der Dich grüßen läßt, war bezeichnend. Der sieht anscheinend nicht mehr viel Festes.
Gerüchte über unseren Freund in L., z. B. daß er verhaftet sei, halte ich für Zwecklügen. Ich hätte sonst doch irgendetwas gehört.
Man gibt sich natürlich den Gerüchten hin, weil niemand etwas Greifbares hat. Dadurch entstehen ungreifbare Gebilde, die für die Obersten fürchten lassen. Das nimmt jetzt sehr zu.
Wir haben in der hiesigen Ortsgruppe der Goethegesellschaft, deren Vorsitzender ich nun bin, am Dienstag den alten Wüllner Goethe[über der Zeile] Schiller rezitieren hören. Am Mittwoch war Mittwochsgesellschaft bei Fischer, wo ich vertraulich hörte, daß zum Festredner für die Humboldtfeier 1935 von den 3 Vorgeschlagenen¹) [Fuß] Fuß: ¹) die Fassung des Vorschlages war auch so. Bäumler, nicht S. und nicht Oncken gewählt sei. Oncken hat Sus. am Donnerstag gehört (ich war zu müde.) Der V.B.
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| hat ihm das zu erwartende schlechte Echo gespendet, obwohl er nichts gesagt zu haben scheint, was dessen wert gewesen wäre. Heut waren Meinecke und Frau - bei uns. Die eine Tochter lebt ja in Saarbrücken wie Susannes Onkel. Nachm. waren wir ½ Stunde bei Honigs, weil Susannes Schwester gestern Geburtstag hatte. Ich mußte aber um 7 schon wieder am Schreibtisch sein. Nächste Woche wird es noch schwerer. Am Freitag wird wohl zwischen Vorlesung u. Seminar Tietjen kommen. Am Sonnabend ein Frl. v. Egidy aus Weimar. Es bleibt nichts frei. Ich komme kaum an die Luft - aber von innen hilft nichts. z. B. ist R. ordentlicher Professor für Philosophie geworden, von dem ein verstorbener Freund sagte, er wasche sich die Hand, wenn er sie ihm gegeben habe. In der Leibnizausgabe ist schwerster persönlicher Krach, dem ich nun amtlich nachgehen muß. Die Existenz der Gesellschaft f. d. Erz. u. Schulgeschichte ist
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| gefährdet, obwohl ich heut endlich die erleichternde Nachricht erhielt, daß das Gericht die neuen Statuten genehmigt hat. Aber die staatlichen Zuschüsse fehlen. In der Notgemeinschaft arbeitet derselbe gegen mich, der seinen Gönner u. den Begründer der NG. zur Strecke gebracht hat. N. Hartmann raucht schlechten Pfeifentabak und geht auf Filzsohlen.
Mit Marja ist es nun wirklich so, daß sie seit dem 19.XII. keine Schule mehr besucht hat, u. vielleicht morgen einmal wieder hingeht. Sie hat 8 Tage im Bett gelegen - angeblich waren es Röteln - aber sie ist dabei so dick und faul geworden, daß es einem jammern kann. Diese Behandlung - Infektionsphobie moderner Ärzte - widerspricht ganz meiner Pflichtauffassung, wie ich sie als Kind gelernt habe. Das Verhältnis Susanne - Margret Bon nimmt durchaus die erwartete Entwicklung (die letztere ist eben eine Montessorinatur), und es wird meine schwere Aufgabe sein, eines Tages alle 3 in eine Hausgemeinschaft einzugliedern, die meiner Auffassung von Ordnung verbunden
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| mit Schonung unabänderlicher persönlicher Qualitäten entspricht. Die letztere kann ich Marja noch nicht zubilligen. Es muß bei ihr "mehr Zug in die Kolonne", und dies gibt einen Kampf, da die Mama gerade dieser Rhythmik entgegenstrebt. Die Kleine selbst ist immer lieb und friedlich - aber ich weiß nicht, ob das nicht die gefährlichste Eigenschaft sein könnte, die ich kenne: das Glattsein. Ich habe nur so wenig freie Zeit, das wirklich im Auge zu behalten und behutsam zu lenken.
Dies wäre ein eiliger Bericht von müder Hand. Man fragt sich vor allem: wer hat jetzt die starke Hand? Es passiert allerhand - und die Dinge drängen vorwärts.
Verzeih, wenn ich nicht auf alles eingehen konnte. Die Kölnische behalte nur. Ich habe weder Spuren einer Wirkung noch - eines Honorars bemerkt.
Innigste Grüße
Dein Eduard
und Gruß auch von Susanne, die Goethe die Gute - Schöne nennt.