Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19./20. Januar 1935 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 19.I.35.
spät.
Mein innig Geliebtes!
Eben kam Dein lieber Brief mit den "bewegenden" Beilagen. Ich habe wohl vielerlei Unterlassungssünden zu begleichen: der - unvergessene - Kalender fehlt leider noch. Die Adresse von Steiger in Zürich kenne ich auch nicht. Ich schreibe immer über St. Gallen, Jacob Steiger, Wartenbergstr. Und obwohl sonst vielerlei zu berichten wäre - aus dem näheren Kreise nur Betrübliches - so möchte ich doch heut Abend eine Sache voranstellen, die mich ernsthaft bekümmert, weil sie den häuslichen Frieden betrifft. Allerdings bin ich von dieser harten Woche so ermüdet, daß ich kaum ein ausreichendes Bild entwerfen kann, und auch meine Handschrift ist nicht mehr schön, - wie die eines Menschen, der um 22 ½ schreibt und vor 8 ½ begonnen hat.
Es scheint nicht mehr zu gehen zwischen Margret Bon und Susanne. Franke hat das sofort vorausgesehen. Der Anstoß liegt bei
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| Marja und ihrem Verhältnis zur Schule. Aber dahinter liegt doch mehr, wie ich deutlich fühle.
Marja hat am 29.XII, als ich abreiste, einen Ausschlag bekommen. Du weißt von dem Brief nach Gotha - entweder nur Magenverstimmung oder Röteln oder Scharlach. Der Befund war schon bei meiner Rückkehr gut: keine Temperatur, Appetit, platzendes gutes Aussehen. Trotzdem keine Bereitschaft zum Schulbesuch. Der letzte Montag verging, weil Frau Bon „am Montag nichts anfängt." Als daraufhin Verstimmung bei mir eintrat, erfolgte eine Aussprache zwischen Frau Bon und Susanne, bei der die erstere, wie ich nicht zweifle, sofort einen ungehörigen Ton anschlug. Susanne sagt: Marktweib, dienstmädchenhaft. Am dritten Tage griff ich ein und hatte meinerseits eine Aussprache mit Frau B, in der sie sich wohl mäßigte, mir aber keinen angenehmen Eindruck machte. Marja stehe unter Scharlachverdacht; es gebe ganz leichte Scharlachfälle; sie habe sich an verschiedenen Stellen geschuppt. Davon sei allerdings nichts zu sehen. Ich drang
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| auf Herstellung des vertrauensvollen Familienverhältnisses, ließ mich überzeugen, daß ein ernsthafter Scharlachverdacht bestehe, gewann aber von der Haltung der Mutter zu unsrer Hausgemeinschaft kein günstiges Bild, obwohl die Unterredung, die ich in voller Ruhe führte, mich auch durchaus nicht befriedigte. Ich verlangte, daß der Arzt nicht nur telephonisch seine Meinung äußere, sondern noch einmal komme. Das sollte heut erfolgen. Er ist aber selbst krank geworden und hat mir zu verstehen gegeben, daß ernsthafter Scharlachverdacht bestehe. (Inzwischen ist eine minimale Halsdrüsenverdickung aufgetreten) Das heißt: Schulbesuch erst 6 Wochen nach dem Auftreten, d. h. 6 Wochen nach dem 29.XII. - dies wäre begreiflich, wenn nicht Marja am letzten Sonntag schon auf die Rodelbahn gelassen worden wäre und auch mit Renate zusammengelassen worden wäre. Übrigens haben weder Susanne noch ich Scharlach gehabt, und da alles erst auf Röteln ausgespielt wurde, habe ich Marja beim Gutenachtsagen geküßt, wie sie auch sonst mit uns nach bisheriger Gewohnheit verkehrt. Das alles ist eine strittige Sache. Es ist ausgeschlossen, der Angst und Vorsicht
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| der Mutter entgegenzutreten oder Meinungen des Arztes nicht zu folgen, obwohl er mir sehr oberflächlich zu urteilen scheint, vielleicht sogar nicht unbeeinflußt.
Dies alles könnte man "Pech" nennen. Pech auch für Marja, die sich langweilt und - wie schon im letzten halben Jahr - eher zurückgeht als sich entwickelt.
Das eigentlich Schlimme ist, daß Susanne gegen ihre Cousine Margret "putscht." Sie hat dazu unzweifelhaft gute Gründe. Die Besorgung des Haushaltes ist minderwertig; der Junggeselle merkt das nicht, wenn das sog. Laufende in Ordnung ist. Aber dahinter war und ist gewiß vieles faul. Ebenso sicher ist, daß ein Mann niemals Widerstand leistet und nur erträglich objektiv bleiben kann, wenn die Frau ihn ständig aufputscht. Das habe ich Susanne wiederholt und ernst gesagt und ihr auch vorgehalten, daß im Fall eines entscheidenden Bruches alles auf sie zurückfiele. Aber das macht keinen erheblichen Eindruck auf sie. Ich wende alle Mittel an, um sie zu einem höheren Gesichtspunkt zu bewegen. Im Grunde
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| handelt's sich doch nur um das Kind. Aber es scheint, daß da auch keine tieferen Sympathien mehr lebendig sind. Und das ist eine schwere Situation. Auch ich kann ja sehr schwer gegen aktuelle Stimmungen. Heut z. B. sind wir beide in den "Krug" gegangen, damit wir um das abendliche Zusammensein mit Marja herum kämen. Denn wir beide sind nicht "gestimmt", weil wir an den Scharlach nicht glauben. Und wir wollten den toten Punkt vermeiden. Aber Susanne hilft nicht, durch Güte und Liebe meine mißtrauische Haltung zu mildern. Eigentlich wäre das die Aufgabe der mütterlichen Frau. Und so bleibt es dabei: sie "putscht" mich durch Einzelheiten, die sicher begründet sind, immer wieder auf, und ich sage ihr demgemäß: - wenn das zerschnitten werden soll, dann bitte nicht stückweise, sondern entschieden. Aber ich erwarte von Dir, daß Du seelisch und sittlich der brüchigen Situation Herr wirst. Es scheint, daß ich damit nicht verstanden werde. Und da liegt nun das Schlimmste: Ich liebe Susanne so sehr. Aber dies ist ihre erste Probe auf - selbstüberwindene Größe. Ich habe ihr das auch ganz
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| scharf gesagt. Aber es kommt nichts. Das heißt zweierlei: die Situation im Hause ist gefährdet. Aber auch: ich muß Susanne noch große Strecken über sich hinaus zu führen bestrebt sein. Denn alle häusliche Ordnung in Ehren: sie ist nicht das Letzte, sondern - daß man sich überwinde in Liebe.

20.I.35.
Es ist heut genau so spät wie gestern, und ich bin noch müder. Denn Sonnabend-Sonntag muß immer allerhand gearbeitet werden, was in die Woche nicht hineingeht, und dann ist es Sonntag abend - aber nur ⅓ erledigt. Es wäre aber sehr vieles zu sagen. Hauptinhalt: in der Gesamtpartitur ist der Tenor, den ich ja auch singe, immer noch miserabel. Aber man behauptet, die anderen Stimmen wären besser geworden. Und Freitag im Ogerkreise sah es so aus, als ob nicht ein ein neuer Dirigent, aber eine neue Direktion schon im Amt wäre.
Heut haben wir Schumachers besucht.
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| Er sprach vom letzten "Aufflackern."
Seine Studenten sollen vielfach den Schritt rückwärts tun, den du einmal getan hast.
Jetzt neue Sensation. Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft u. a., d. h. Planck, und im Hintergrunde Großindustrie u. Armee, laden ein zu einer Gedächtnisfeier für Haber am Dienstag. Der Min., wohnhaft in Dahlem, Villa sans travail (so sagt ein Staatsrat!) verbietet allen Professoren den Besuch. Das wird eine Kraftprobe - oder keine.
Wilhelm Schulze u. der Freund Hugenbergs, Ludwig Bernhard, ein mir sympathischer Kollege, sind gestorben.
Ich habe unzählige Prüfungen gehabt. Das Horoskop sagt: Mars, d. h. der friedliche Mars, regiere die Stunde.
Ich kann nun nicht mehr. Aber ich lege einen bisher unbeantworteten Brief von Heinzelmann bei. Was soll ich da tun?
Gestern war Frl. v. Egidy hier (Tochter des s. z. bekannt Moritz v. E.) morgen wird Helborn (cf. 50. Geburtstag - Nazifreund) mit Frau erwartet. Sus.s Gumbinner Schwester ist auch hier. Endlich noch: <re. Rand> vermute keinen Konflikt! Wir sind ganz herzlich einig. Es ist nur so ein Knoten, der uns beiden aufzulösen gegeben ist. Ich denke Deiner mit innigen Wünschen. Dein E.