Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. Februar 1935 (Berlin)


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2.2.35
Mein innig Geliebtes!
Sehr schwere Arbeitstage haben mich so lange am Schreiben verhindert. Man lebt von Tag zu Tage und freut sich, wenn es gerade noch zu schaffen war. Sonst ist nicht viel Anlaß zur Freude. In unsrem Bereich werden die Verhältnisse immer schlimmer. Trotz allen Mühens gehen die Dinge kaputt, und sie sollen ja auch kaputt gehen.
Wir waren am letzten Sonnabend bei Glasenapps in Potsdam. Dies war für mich die einzige Extratour, die mir aber nur hinderlich war, weil ich das Spätnachhausekommen nicht vertrage. Susanne hatte Besuch von ihrer Gumbinner Schwester, und alle 3 waren 2 Tage hintereinander im Theater, das zweite Mal scherzhafter Weise im "Cano". Mein Wunsch, wenigstens mal ein Kino zu sehen, scheint nicht erfüllbar zu sein.
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Marja bleibt also – bis Mitte Februar – bei bestem Befinden unentwegt zu Hause. Womit sie sich beschäftigt, ist mir unbekannt. Der ganze Zustand ist mir unsympathisch. Aber ich ziehe daraus nicht die Folgerungen wie Du. Das schiene mir doch – zu unpädagogisch. Es kommt darauf an, nach beiden Seiten Einfluß zu gewinnen. Daß Frau B. an diesem ihrem "Sieg" viel Freude hat, glaube ich nicht.
Ich habe mit der Leibnizausgabe nichts als Scherereien. Zu allem Überfluß ist ein schwerer Konflikt unter den Mitarbeitern – nicht ausgebrochen, denn er war schon lange da, sondern neu aufgelodert. Bei mir häufen sich die Aktenstücke zu ganzen Stößen. Unfruchtbare Arbeit. Denn was wird schließlich aus der Akademie? Die Haberfeier hat dem letzten Naturwissenschaftler die Augen geöffnet. Der Erzanhänger Neckel, der die Festrede zum 30. Januar halten sollte, hat Konflikt mit den Studenten bekommen und "durfte" seine fertige Rede nicht halten.
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| Was wir stattdessen gehört haben, war recht nervenangreifend. Eine Proskriptionsliste von 75 nichtarischen Dozenten in Berlin wird wohl auch noch ihre Opfer fordern, obwohl man doch mit der Haberfeier genug hereingefallen ist. Die Bestimmungen über die neue Rektorwahl sind empörend.
Ich habe sehr Heterogenes für die Vorlesungen arbeiten müssen: in der einen handelte es sich um Vererbungslehre, die doch – exakt u. ernst genommen – höchst interessant ist, in der anderen um Kierkegaard – den Großvater aller anscheinend originalen Theologen und Philosophen jetzt bei uns. Das ist eine sehr schwere Sache gewesen; viele Stunden Vorbereitung für jede einzelne Stunde. Die Studenten sind ungeheuer aufmerksam; der Besuch bleibt ganz stabil; in der Rel. phil. ist es sogar eigentlich voll, wie sonst selten um diese Zeit im Semester. Aber ich fühle, wie allmählich doch die innere Spannkraft in mir nachläßt, weil der Kampf sonst vergeblich ist und weil einem alles aus der Hand geschlagen wird. Die sog. Fakultätssitzungen verlasse ich sofort nach der Erledigung der Prüfungen.
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| B.s Gesicht ist immer das verkörperte schlechte Gewissen. Akademisch bleibt er ohne jeden Erfolg. Aber die "Internationale Zeitschr. f. Erziehungswissenschaft" gibt er nun heraus.
Die noch bevorstehenden 2 Wochen werden sehr schlimm sein: 2 Tage Staatsexamen und eine ungeheure Zahl von Doktorprüfungen. Heut ist der 2. Studententee bei uns, in 8 Tagen ein Festessen für m. alten Freund Gusti, der es bis zum Minister gebracht hat, in 14 Tagen werden wir uns wohl teilen müssen: ich zum Siebenbürgenball, Susanne zum Musikabend bei Richters. Der Abschluß der Vorlesungen macht ohnehin viel Mühe, und im Seminar liegt das größte Stück der Arbeit immer auf mir. (Brosius ist bald nur noch eine "schlummernde Monade".
Gestern kamen 2 sehr widerliche Briefe von der Buschmann an Sus. und mich. So etwas Gemeines habe ich noch nicht erlebt. Ich werde Wolf fragen, ob ich Beleidigungsklage erheben soll. Nach gemachten Erfahrungen habe ich wenig Lust dazu. Tildchen hat für
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| heute abgelehnt.
Das Gestirn des Ogerst ist im Steigen. Überhaupt geht es auf allen Gebieten besser als bei uns.
Am 4.II. hat die Wingeleit Geburtstag (Koppenplatz 11.)
Habe ich Dir geschrieben, daß ich den Vorsitz der hiesigen Ortsgruppe der Goethegesellschaft übernommen habe? In der Kantgesellschaft rückt u. rührt sich nichts voran. Wie ich höre hat man in einer nordischen Universität, wo ich schon einmal gesprochen habe, an mich gedacht, aber den Plan als aussichtslos gleich fallen lassen.
In summa: trübe – auch im Ausblick. Litts Schrift ist erschienen, aber ich bin leider damit nicht ganz zufrieden. Nun werden ja bald die großen "Versetzungen" kommen. Er rechnet durchaus damit – und ich ........
Die Finanzverhältnisse werden eng. Eine weitere Frühjahrsreise werde ich mir nicht gestatten können. Der März ist ja auch ganz ungeeignet. Hast Du vom Erdbeben am Untersee gelesen? Und wie soll ich mich im Fall Heinzelmann verhalten??
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Es freut mich, daß Du mal wieder in Speyer warst. Ich habe auch solche Sehnsucht nach "unsren" Stätten. Aber – bis auf das Innere in uns – ist alles in der Welt so verändert, daß einen vieles schmerzen würde. Ich bin vermutlich immer noch zu verwundbar. – Jetzt wird wohl bei Dir der Kaffee gleich beginnen. Auch hier werden gleich 14 Leute mit den Stiefeln erscheinen, die sich aus dem heutigen Wetter ergeben. Eine schwierige Sache; denn es sind viele dabei, mit denen man nicht reden kann.
Von der Familie Walz habe ich keine Anzeige erhalten. Das ist offenbar kein Zufall. Du mußt mich reinwaschen: gerade weil ich ihm sehr viel zu sagen gehabt hätte, hätte ich ihm nicht geschrieben. Das ist nun heute so. Gott sei es geklagt.
Die Kirchensachen sind ganz undurchsichtig. Ich fürchte oft, daß da kein voller Sieg herauskommt. Man sollte sich auch nicht zu eng einstellen. Ich kann die absolute Offenbarung nun einmal nicht in mich hineinbekommen. In der Rel.-Phil. bin ich gerade bei diesen Fragen. Es ist recht schwer, das so zusammenzudrängen.
Nun muß ich wohl schließen. Halte Dir einen prophylaktischen Schnaps. Das ist in diesem Jahr besonders wichtig. Viel innige Grüße Dein Eduard.

[li. Rand] Herzliche Grüße v. Susanne. Sie organisiert in Ruhe das Schlachtfeld. Leider weiß sie für uns noch weniger Rat als ich: für meine Ordnung. Denn es kommen wieder unzählige <re. Rand> Papiersachen. – Die Annemarie Holzhausen, die mich um Stellenvermittl. bat, habe ich an den Dr. Behm in Orb verwiesen. Von den Eltern hört man nichts. – Ich schäme mich, daß das Kalenderchen noch nicht da ist. Muß immer schnell nach Hause, da oft 2 mal in die Stadt.