Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. Februar 1935 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 11. Februar 35.
Mein innig Geliebtes!
Mit großer Teilnahme höre ich, daß die Geburtstagsfeier so bald in einen sorgenvollen Zustand übergegangen ist. Man muß ja bei diesen Jahren auf eine ernste Wendung gefaßt sein, und einer so lebhaften Natur wünscht menschliches Ermessen kein allmähliches Hinsiechen - sondern entweder Genesung oder Erlösung. Ich bitte Dich, mir zu schreiben, ob der Zustand sich gebessert hat. In jedem Fall wirst Du viel Anstrengung haben. Die weite Entfernung ist dafür ebenso ungünstig wie die lange Arbeitsunfähigkeit Deiner Monatsfrau. Wenn Empfänglichkeit dafür vorhanden ist, bitte ich um Übermittlung herzlicher Wünsche und Grüße.
Hier ist noch eine andere traurige Nachricht eingegangen: Dora Jaeger ist von ihrem Leiden erlöst. Nach seiner, etwas späteren Mitteilung, war sie zuletzt in einer geschlossenen Anstalt. Damit hat
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| ein schmerzliches Geschehen auf der einen Seite sein Ende erreicht. - -
Im Hause sind eigentlich alle grippekrank mit Ausnahme von Susanne und mir: Renate hat angefangen; Marja u. Frau Strasen liegen schon seit ca 5 Tagen; seit vorgestern auch Frau Bon. Strasen hat sich tapfer aufrecht gehalten und ist anscheinend durch. Seit vorgestern kommt und kocht Frl. Rauhut.
In dieser gleichen Woche habe ich nun also die 26 Doktorprüfungen (bis jetzt 18 erledigt) und - Gottlob nur: 4 Staatsprüfungen. (heut Nachm.) Außerdem ist der Kgl. Rumänische Minister Gusti, mein Freund (seit 30 Jahren) hier. Wir hatten zunächst am Sonnabend Abend ein kl. Essen für ihn (u. a. war Fritz Klein anwesend, mit dem ich lange sprach.) Am nächsten Sonntag sollen er u. seine Frau ganz still bei uns zum Abendessen sein. Er ist ein lieber, kluger Mensch - obwohl kein gewaltiger Geist und nicht so treu wie Louvaris.
Zu alledem aber kommt der ungeheure Gemütsdruck. In unsren Revieren steht es schlechter als je. Der Fall Oncken hat alle
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| erschüttert. (Vielleicht hast Du den Artikel im VB vom 3.II. gelesen, durch den man ihn moralisch getötet hat.) Gegenwehr unmöglich. Er hat seine Vorlesungen einstellen müssen und ist nun also erledigt. Von Köhler heißt es, daß er nicht wiederkommt. Die Un. verwaist immer mehr. Selbst die Gänge u. Hörsäle sind still. Und daß ich noch immer relativ viele habe, das ist natürlich ein Gefahrenmoment. Jedenfalls auch sonst nichts von Besserung; ob es noch schlimmer wird? vermutlich! Unter diesen Umständen zu arbeiten ist nicht leicht; es fehlt die Sprungfeder; auch auf diesem psychischen Wege kann man bei langer Dauer die feinnervigen Naturen "erledigen". Ich sah u. sprach neulich Kroner: ein gebrochener Mann. - -
Trotzdem steht allerhand Geselliges bevor, was man erst dann ganz unterlassen kann, wenn man auf alles Mitleben verzichtet. Sonnabend Nachm: Sombarttee habe ich ebenso wie das Frühstück beim Rumänischen Gesandten am Tage vorher ablehnen müssen. Abends wird wohl Susanne zu Richters und ich zum Siebenbürgenball gehen. Am Sonntag kommen Gustis. Montag wäre ein Vortrag von Rothacker, Dienstag ist eine belangvolle Konferenz, zu der ich Litt zu gewinnen hoffe, und abends sind wir bei Meinecke eingeladen.
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| Ich habe aber in den gleichen sog. Ferientagen 2 Aufsätze zu schreiben - einen für Bucherer in Heidelberg; der letztere sollte schon am 15.II. abgeliefert sein.
Daß es jetzt noch so starkes Hochwasser in Heidelberg geben könnte, hätte ich nicht geglaubt. Wir hatten wieder ca 5° Kälte und ein bißchen Schnee. Die 2. Sendung Kohlen ist eingefahren, immer ein teurer Spaß.
Im Philologenblatt Nr. 1. d. J. stand ein Artikel, der der bekannten Papenrede vergleichbar war. Der Mann ist sofort seines Amtes enthoben worden. "Mit unsrer Macht ist nichts getan."
An Deinem Geburtstag wird Petsch in der hiesigen Goethegesellschaft reden. Ich selbst habe ja auch mindestens 4 Vorträge fest zugesagt, den ersten am 26.II.
Ich schließe diesen etwas wirren Bericht, der nichts Gutes enthielt. Hoffentlich ist Deine Stimmung günstiger. Ich bin einmal wieder ganz unten; bisher aber hat noch jeder Tag tiefer geführt.
Viel innige Grüße
Dein Eduard.
Susanne grüßt mit mir.