Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. Februar 1935 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, 20.II.35.
Mein innig Geliebtes!
Obwohl vor Tisch nicht viel Zeit ist und dies nur ein Teil I werden kann, zu dem Teil II am 25. folgt, kann ich es doch nicht aufschieben, Dir zu schreiben. Die Pause wird sonst zu lang. Ich habe Deinen lieben Bericht über den Zustand unsrer Patientin. Es scheint ja noch einmal günstig zu gehen. Für Dich war es wieder viel Anstrengung. Daß dann abends doch, oder vielleicht erst recht, die Budenangst kommt, verstehe ich gut und tief. Ich finde, ganz abgesehen vom Persönlichen, daß man jetzt immer in einer latenten Angst lebt. Und sie wird schlimmer, nicht besser. Was meinen Beruf betrifft, so ist er jetzt im Zentrum der Gefahrenzone. Allenthalben Verbitterung oder dumpfe Verzweiflung, oder unwürdige Anpassung.
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| Die Semesterschlußwoche war höchst anstrengend; aber noch mehr nahmen die trüben, wirklich trostlosen Eindrücke mit. In meinem direkten Betrieb ging es ordentlich. Besuch bis zu letzt sehr befriedigend. In der Rel.phil. ein so warmer Abschied seitens der Studenten, wie ich ihn kaum verdient habe. Auch das Seminar ging ungestört zu Ende. Aber der Fall O. hat gezeigt, daß eben diese wachsenden Sympathien der St. dem Empfänger verhängnisvoll werden. Offenbar sind die jungen Leute in einem Grade im Abmarsch, der "dort" schon Sorgen macht.
Nach Schluß des Semesters war es aber noch anstrengender als vorher. Heut habe ich zum 1. Mal ausgeschlafen. Ich habe in größter Eile meinen Humboldtartikel hingeworfen für Euren Bucherer (Landfriedstr. 2.) = "Humanistisches Gymnasium". Jetzt bin ich gleichzeitig bei 2 anderen dringenden Aufsätzen. Am Sonnabend waren wir in Nicolassee bei Richters zur Musik. (65 Personen.) Späte Heimkehr. Sonntag war das Ehepaar Gusti allein bei uns (8-11) Es war eine Art Premiere für vornehmen Besuch.
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| Obwohl es gut ging, kostete es Nerven. Montag um 11 kam Litt, mit dem ich dann um 3 zu einer wichtigen Konferenz ging. Um 7 nach Hause gekommen, mußte ich noch mit Susanne zu Meineckes, wo auch Onckens und Richter waren. Der Fall erregt immer wieder Aufregung und schwerste Besorgnisse. Gestern war der Geburtstagsbesuch maßvoll. Nur von ½ 5 - ½ 7 die Schwester Honig mit den beiden netten Mädchen und Marjas Großmutter. Dein entzückendes Buch macht auch mir viel Freude. Heut ist so herrliches Wetter, daß ich gern einmal hinausginge. Aber 1) muß ich in den Etatsachen der Gesellsch. f. d. Erz. u. Schulgeschichte eine lange, ziemlich hoffnungslose Beratung mit dem Schatzmeister in Halensee haben; man will das Ding natürlich zerstören; und 2) ist abends Mittwochsgesellschaft bei Oncken. Donnerstag nach der Akademie Leibnizsachen u. dergl. Abends Vortrag von Tomoeda. (alter japanischer Freund.) Freitag spät abends Oger. Sonnabend 1 Frühstück bei Tomoeda. Dazwischen muß nun immer kräftig gearbeitet werden. Und Du kannst glauben: kein Eindruck ist rein erfreulich. Alles, jede Post, jeder
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| Besuch bringt neues Quälendes oder Demütigendes.
Daß die Einkommenteuererklärung gemacht werden muß, ist auch keine schöne Aussicht. Das letzte Jahr hat (bisher - d. h. ohne Steuern, die ev. nachzuzahlen sind) mit einem Minus von ca 2000 M geschlossen. Das muß natürlich anders werden, und wo soll man sparen, als leider an den Reisen?
Ich breche diesen Bruchstückbrief für heute ab. Verzeih seine eilige Unordnung. Aber ich halte es nicht aus, so lange ohne Austausch mit Dir zu sein. Alle guten Wünsche, viel innige Grüße, auch von Susanne, die doch merkt, daß das Leben mit mir sehr anstrengend ist. Bis auf Frau Strasen sind nun wenigstens wieder alle "im Dienst."
Herzlichst Dein
Eduard.