Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7./9. März 1935 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, 7. März 35.
Mein innig Geliebtes!
Um diese Zeit im Jahr war es fast immer so, daß ich dachte: es geht nicht mehr. Aber diesmal ist es nun aus vielen besonderen Gründen so. Die Last auf der Seele vereint sich mit der wahrhaft niederschmetternden Arbeitslast. Diese hat 2 Hauptgründe: 1) der Vg. arbeitet, der Pg. agitiert und schafft die neue Zeit. Neuigkeiten bringt auch die Leipziger Messe. 2) günstiger sieht es aus, daß ich allmählich wieder Mittelpunkt eines Privatverkehrs werde, an dem Ausland und Inland beteiligt sind. Unter der Decke will etwas sein Eigenleben weiterführen. Fast jeden Tag habe ich 3 Verabredungen, erhalte ich dicke Werke und kleine Artikel; es ist ja für diese Dinge niemand mehr da. Steiger hat mich gefragt, ob er im Sommer nach Berlin kommen solle. Ja - wir haben nur noch Privatdozenten und mäßige öffentliche Dozenten. Es lesen nicht
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| mehr: Marcks, Meinecke, Oncken, Caspar, Hartung. Der Rest ist - <unleserl. Wort>.
So schnell kann eine große Universität herunterkommen. Denn wie ist es in der Philosophie? Hartmann ist eine starke, aber ganz weltferne Potenz. Ich würde mich gern produktiv betätigen. Aber wer macht meine Pflichtarbeit? Da liegen ca 2000 Seiten Preisarbeiten der Akademie. Ich habe die Hauptentscheidung. Wenn man den ganzen Tag nichts anderes tut, liest man höchstens 200 Seiten (großenteils unproduktives Zeug). Also 10 Ferientage von 40 nur dafür. Dissertationen, Gelegenheitsaufsätze sind noch nicht gerechnet. Ich komme nicht zum Aufatmen, kaum zum ausreichenden Schlaf. Jeder Abendausgang wird zur Strapaze. Und von Vorbereitung der absolut neuen Gegenstände für das S.S. ist keine Rede. Bitte betrachte diesen Sachverhalt unter dem Gesichtspunkt, daß man auf solche Art auch sehr bald die überflüssige ältere Generation los werden kann.
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Daß meine Geburtstagssendung zu spät gekommen ist, betrübt mich, scheint mir aber nicht ganz meine Schuld. Ich habe Susanne am Sonntag 24.II damit an den Briefkasten der Post geschickt. Ginge die Sendung nicht nach Baden, so müßte sie mit der 2. Montagsbestellung dort gewesen sein.
Ich werde heut wegen Überanstrengung nicht mehr viel Kluges schreiben können. Deshalb nur aphoristisch: Heut kamen Eure Grüße aus Oberschönbrunn. Ich habe mich darüber gefreut. Schweren Herzens habe ich vorgestern einen langen Brief an Emmi Frommherz geschrieben. Der alte Stil der Frühlingsreise ist zerstört. Nicht nur wegen der sinnlosen Semesterordnung. Die Fahrtkosten dorthin werden nie mehr aufzubringen sein, wenn nicht gerade eine Vortragsreise damit zu verbinden ist. Jetzt erst zeigt sich die Armut, in der wir leben, und das sog. Ersparte muß man festhalten, da keine amtliche Stellung auch bei pflichttreuer Besorgung sicher ist.
Mein Programm für die nächste Zeit:
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| Montag früh 10 Uhr nach Weimar (Goethegesellschaft, Vorstand.) Rückkehr 23 ½. Dienstag um 12 ½ noch Rede, dort Vortrag (Thema hat in Berlin und auch Zeitungsberichten großes Interesse sonst gefunden). Mittwoch Konferenz mit Flitner. Donnerstag der gleiche Vortrag in Hamburg. Freitag Lernstunden bei Uexküll, günstigenfalls spät abends zu Haus. Sonnabend bis Sonntag Mittag in Dahlem. Hoffentlich Sonntag schon können wir nach Harzburg abreisen. Ich breche zusammen, wenn ich nicht 1 Woche Ferien machen kann. Frankes wollen nach kommen. Spätestens am 24.III. muß ich zurück sein. 30.III. Vortrag in der Vereinigung der Freunde antiker Kunst (wegen 100 M.) Das Semester beginnt am 1.IV.; ich wohl am 2.IV. Vorbereitet kann so gut wie nichts sein. Es lohnt nicht, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, da ja längst mit dem Herzen gebrochen ist.
Du wirst das nun nicht mehr lesen können, und ich kann nicht mehr schreiben. Daher für heute Schluß mit innigen Grüßen
Dein
E.

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9.III.35.
Nachzutragen wäre mancherlei, besonders über Besuche. Ein später Besuch aus Köln war das allein Ermutigende. Du weißt ja. Sonnabend waren zum Tee da: Fechners u. Marg. Thümmel. Sonntag besuchten wir ohne Erfolg Ludwigs u. Alice Salomon. Montag war Feilchenfeld da. Dienstag gingen wir für die Mittagsstunden in den Wald: Jagdschloß Stern, Gütergotz Mittwoch nur Geschäftliches, gestern dgl. Heute wird die Maria Dorer aus Darmstadt kommen, später Anneliese Maier.
Diese späte Kälte mit eingestreuten Schneefällen ist unerfreulich. War es in Oberschönbrunn auch so kalt? Dem Vorstand scheint es ja ganz erträglich zu gehen. Bitte grüße ihn. Für Hamburg habe ich keine feste Adresse. In Harzburg werden wir uns auch erst ein Hôtel suchen müssen.
Unter den Genüssen dieser Tage habe ich die Einkommen- u. Vermögenssteuererklärung vergessen.
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Kannst Du den Briefwechsel Wilh. u. Caroline v. Humboldt erreichen? Dann wäre ich dankbar, wenn Du aus den Bänden nach 1810 mir allmählich die Seitenzahlen aufschreiben könntest, die sich auf Nation, Staat, prinzipielle Stellungnahmen zur Politik u. zu großen Politikern beziehen. Angenehm wäre, wenn ich das für die Zeit 1810-1819 schon um den 3. April haben könnte, weil ich ev. in Tegel reden soll, aber keine Zeit zur Vorbereitung habe.
Hast Du in den Forsch. u. Fortsch. das von Westhöfer gegen Darwin - Häckel gelesen, pro Goethe. Diese Tendenzen werden jetzt stärker.
Ich muß an die Arbeit gehen. Bitte beachte mal, wann dieser Brief ankommt. Er wird zwischen 10 und 12 in irgend einen Postkasten gesteckt.
Innigste Grüße u. Wünsche
Dein
Eduard

[Fuß] Adelheid u. Lore haben beide - geschrieben. Auch Heinz - der aber immer mit Klagen über unbefriedigende seelische Verfassung.