Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28./ 29. März 1935 (Berlin)


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28.III.35.
Mein innig Geliebtes!
Die "Heimkehr des Odysseus" war recht traurig. Alle Silberstreifen am Horizont sind fort. Ich spüre auch so sehr das Erlahmen meiner Kraft. Denn jede Feder will aufgezogen sein. Aber sie ist bald abgelaufen, und ich erinnere mich an jenes Leipziger Dienstmädchen, das von der Fliedersuppe sagte: "Wenn Herr Professor sich nichts daraus machen, dann mach ich mir de Miehe nicht." Es ist in toto trostlos. Der Trost vom brachliegenden Feld paßt für das Individualleben in meinen Jahren nicht.
Gesamtzahl der Studierenden in Berlin ist auf 5600 herabgesetzt. So viel hatten wir zwischen 1880 u. 1890. Immatrikulationen finden nur für Ausländer statt. Schon im Winter hatte ich in meinen Übungen ⅓ Ausländer! Hartnacke ist abgesetzt.¹) [Fuß] 29.III ¹) Heut Brief von ihm: er hat wegen Zumutungen niedergelegt.
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| Die Folgen für Litt kann man sich ausdenken. Leisegang soll neuerdings freigelassen sein ¹) [re. Rand] ¹) 29.III: ein kurzer Brief von ihm.
Die 2 ersten Tage unseres Hierseins standen unter dem Zeichen unerwarteter Besuche von Durchreisenden: das Ehepaar Moog (Braunschweig), Frau Flitner (er blieb fort), heut Aloys Fischer (3 Stunden), der Studienrat Lehmann aus Landsberg (der um seine arische Abkunft kämpft, die die Wissenschaft nicht erweisen kann.) Gieses Besuch habe ich freundlich, aber bestimmt abgelehnt. Brosius, ein verlöschendes Licht. In Halberstadt auf dem Bhf begrüßten uns Schulrat Gans mit Frau und Sohn. Dieser tapfere Ostpreuße kämpft immer noch um seine Rehabilitierung. Die ganze Reise war ja vom Wetter begünstigt, bis auf Goslar, wo es lebensgefährlich gos. (Wir kamen bei gutem Wetter über den Berg von Romkerhall.) Aber Erholungserfolg konnte nicht konstatierbar sein. Der Kampf der Kirche wird radikaler. Die Erklärung vom 17.III. ist
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| endlich sinngemäß. Nur besteht keine Aussicht auf Erfolg. Das Urteil von Kowno, das auch Susanne sehr schwer mitempfindet, rückt ungewollte Kriegsgefahr nahe. Die Dinge treiben - wer weiß, wohin denn schließlich.
Der Humboldtgedenkakt am 8.IV. im Schloß Tegel findet nicht statt. Insofern habe ich Dir vergebliche Mühe gemacht. Brich also bitte die Auszüge ab. Solche Abbrüche sind eben typisch.
Das W. ein Auto hat, ist mal als Episode ganz hübsch. Man fragt sich nur: warum muß er ein Auto haben? Da ist die leere Stelle, die sich bequem ausfüllt. Die Not im Inneren wird nicht mehr gefühlt. Man gleitet dahin. Was soll man eine Last auf Schultern tragen, die nur das Fortkommen auf dem Wege erschwert?
O, daß man diese Last fortwerfen könnte! Aber ich denke an Christophorus.
Ich möchte einmal Zeit haben, Dir mein
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| inneres Leben ganz schildern zu können. Es steht unter der allgemeinen Gefahr der Kontraktion. Es steht unter der Gefahr der Negation, d.h. unter dem Aspekt, das Deutsche nur noch negativ zu empfinden. Denn das Ja zu vielem wird immer wieder zerbrochen von dem Eindruck der personalen Träger. So geht es nicht voran. Wenn man kämpfen könnte! Aber alles Aktive ist verbaut. Nur die Erinnerung an den Kampf vor 2 Jahren entlastet. Denn sonst müßte es jetzt unter viel hoffnungsloseren Auspicien geschehen.
"Das Überindividuelle" walzt über Einzelseele und Einzelschicksal grausamer, als es die Stufe der heut erreichten Einzelperson und ihrer Verantwortungen erträgt. Man muß und soll und kann nicht. So ist es oft mit dem Wollen in schweren Träumen.
Es geht mir seelisch garnicht gut. Privatim könnte ich glücklich sein, wenn ich primitiv genug dazu wäre und ein Auto hätte.
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Da mir die letzten Handschuhe, die abgetragen waren, von einer Person mit sehr berühmtem Namen gestohlen worden sind, habe ich nur noch weiße Handschuhe in Reserve. Ob die brauchbar wären?
Susanne holt sich immer noch Glücksquellen heraus. Sie war sehr munter im Harz und hegte sorgsam ein 40 cm langes Holzstöckchen, von dem sie sich nicht trennte. Solche Dinge sind für mich symbolisch. Es reicht nicht zum Stützen, es ist aber ein Stück vom Walde, und es gibt ein bißchen Rhythmus.
In all meinen Sorgen und Leiden fühle ich mich mit Dir unlöslich verbunden.
Hoffentlich sind Deine Halsschmerzen verschwunden. Bei so trockenem Staub habe ich das auch manchmal. Ich empfehle auch zur Vorbeugung: Thyangol.
Die gewohnte Stunde des Nichtmehrkönnens ist da. Gute Nacht. Felicissima notte!

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29.III.
Man muß immer wieder aufstehen.
Aus der heutigen Deutschen Zeitung lese ich mit ziemlicher Genauigkeit, natürlich indirekt, heraus, um was es sich bei der Konferenz in Berlin gehandelt hat. Kennst Du das Buch "Fahrt nach Ostland" oder so?
Viel innige Grüße
Dein
E.