Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6./7. April 1935 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 6. April 35.
Meine innig Geliebtes!
Dein lieber Brief ist vor 2 Stunden, d. h. abends nach 7 hier eingetroffen. Ich habe lange nicht geschrieben, aber immer mit Dir geredet. Da dies ein sehr langer Brief werden wird, stelle ich voran, was ich nicht vergessen möchte, nämlich daß Frl. Dr. Hedwig Koch, jetzt Nachfolgerin von Lili Dröscher, am Montag oder Dienstag abends oder Mittwoch früh (?) zu Dir kommen wird, um Dich zu befragen, wo man im Neckartal einen geeigneten Aufenthalt findet. Unter m. Vorschlägen war auch der Kü. H., der ja nach Deinem heutigen Brief wieder bewohnbar ist. Aber Ihr werdet das individuell besprechen. Frl. K. sieht die Sachen anders als Frl. Lampert. Sie ist ein sehr feiner und eigner Mensch, den ich Dir gern und warm als eine alte Freundin empfehle.
Im übrigen: ich werde viel erzählen, aber der Grundtenor ist trotz aller hübschen
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| Einzeldinge ganz trübe; eigentlich schlimmer als je an beiden Enden: Außenpolitik und geistiges Leben. Dein Humboldtzitat berührt mich da wunderbar. Ist es nun wirklich so, daß der Weltgeist von Schwärmern genährt wird oder im Dung gedeiht? Es wäre traurig um unsre sittlichen Nöte bestellt. Denn was man immer wieder schwer empfindet, ist doch diese ständige Minderung der Ehre und die Abwesenheit der Ehrlichkeit. Für die Weltgeschichte ist das nur ein Index: aber Rektor der Un. Berlin von einer Minorität junger "ewig strebend Bemühter" gewählt ist ein Tierarzt. Und am Montag findet eine Humboldtfeier statt, bei der H. vermöbelt werden wird vom Hausherrn und vom Gärtner (Baumschule), und bei der ich fehlen werde, wie ich bei der Rektoratsübergabe gefehlt habe. Also bin ich der alternde, ewig widerstrebende Opponent? Anscheinend doch nicht ganz. Denn mein Hörsaal ist in der 4stündigen Vorlesung voll besetzt wie 1930 (ca 450), und im Seminar sind über 40, darunter Vertreter von ca 8 Nationen von 3 Erdteilen. Die Neuen aber bleiben ohne Echo.
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Gleich nach der Rückkehr von Harzburg habe ich Dir geschrieben. Die Erholung bestand in einer geradezu erschreckenden Müdigkeit, über die jetzt viele Leute klagen. Auch Susanne leidet unter Schlafsucht, obwohl sie früher doch viel mehr leisten mußte. Der Mann in Dresden, mit dem ich mich auseinandergesetzt habe, schrieb mir und betonte vertraulich, daß er um Entlassung gebeten habe aus bewegenden Gründen. (Beilagen fügte er bei.) Der bekannte Leisetreter hingegen ist auf allerhöchsten Befehl entlassen. Auch Louvaris schrieb warm und lyrisch, obwohl er jetzt Kultusminister ist. Als Besuche kamen schnell hintereinander Frau Flitner, Aloys Fischer (interessant!) und am Sonntag zu Tisch der nette Walter Heinzelmann, worauf am Dienstag prompt der erwartete, aber abgelehnte Pumpversuch erfolgte.
Ich bemühte mich um die Konzeption des Kollegs, das noch heute keine Linie bekommen hat, mußte dann den Vortrag machen über "Das Klassische im Kampf der Zeiten". Sonnabend um 3 war ich damit im Klaren. Es ist fast ergreifend, wie das gewirkt hat. Alles
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| redet noch heut davon, fragt nach Einzelheiten etc. Selig sind, die da hungert ...... Anwesend waren [über der Zeile] 300 Schmidt-Ott, Minister Rosen, Leyhausen, Lietzmann u. viele beachtliche Leute, auch Frau Bon u. Susanne. Wir beiden fuhren dann mit Wiegand in seine "klassische" Berliner Dahlemer Wohnung. Am Abendessen nahmen teil u. a. Pallat mit Frau, Lietzmann, und natürlich die Hausfrau - Tochter v. Siemens (cf. Dein Goslarer Bild vom Stammhause.) Der alt gewordene Hausherr (Staatsrat) ist vom Kampf fast zerbrochen: ein ergreifendes Bild tapferen Bemühens um das Edlere. Ich will gleich hinzufügen, daß 4 Tage darauf die Mittwochsgesellschaft in seinem Hause war (am 17.IV bei mir), und daß man da allerhand hörte, was lohnend war, ungeachtet der achtbaren Anwesenheit eines von denen, die "im Rate sitzen." Sonntag also Heinzelmann, nach ihm um 5 noch mein alter Hörer, der Badearzt Dr. Schless aus Marienbad, der gesellschaftlich gewandt über den Dingen steht. Dienstag Beginn
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| der Vorlesungen (mit dem gefährlichen Erfolg) Um ½ 7 aßen bei uns (mit "diesbezüglich" zweifelhaftem Erfolge) Uexküll und seine reizende Frau, geb. Gräfin Schwerin, die Freundin u. Übersetzerin des bekannten Axel Munthe. Wir hörten dann U.s Vorlese, Vortrag genannt - sachlich sehr gut - u. saßen ziemlich unglücklich hinterher am Präsidialtisch mit U.s u. Plancks und Lewald, der schon dort andeutete, daß seine Absicht, mich für Deutschland beim "Olympia" den geistigen Vortrag zu halten [über der Zeile] zu lassen, Göbbels in einen Entrüstungskrampf versetzt habe. Die 2. Sprechstunde am Mittwoch war überlaufen, auch von guten alten Freunden, wie die erste. Donnerstag hatte ich Beratung mit Buchenau über die notleidende Pestalozziausgabe. Danach ging ich zur Deutschen Akademie u. saß am Tisch des Redners Schmidt-Ott mit dem Marinechef [über der Zeile] <in lat. Buchstaben> Marinechef Raeder, einem netten Mann vom AA (nicht HH) u. Exc. Lindequist. Da hört und fühlt man allerhand. Exc. Lewald
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| (gemischt arisch wie v. Hippel) besprach dann noch mit mir die Fragen des Olympia.
Gestern war ich wieder tief unten wegen der "drohenden" Feier des Mannes, den ich in den F. u. F. behandelt habe. (Ein größerer Artikel steht im "Humanistischen Gymnasium"; ich muß Dich bitten, mit einer späteren Leihsendung vorlieb zu nehmen, weil die 10 Exemplare, die ich habe, alle schon vergeben werden mußten) Gleichzeitig mit dieser Mitteilung heimischen Ursprunges kam die noch vertraulich zu behandelnde Nachricht, daß die Universität Budapest mich bei ihrer 300jahrfeier im September zum Ehrendoktor ernennen wird. So liegen nun die Dinge. Aus Memel hören wir allerlei, was Du Dir denken kannst, und ich bitte dich inständig, diese z. T. freundlichen Bilder alle auf dem dunklen, schmerzlichen Hintergrund zu sehen, auf dem sie stehen, nicht nur für mich, sondern nach zahllosen Einzeleindrücken, die die zahllosen Besucher übereinstimmend herantragen. Mein laufendes Arbeitspensum ist - Ärger, nichts sonst.
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Nun noch vom Privatesten. Wir haben heut endlich die "Cousinen" besucht, trafen nur die gute tapfere Frida, die sich auch nach Dir freundlich erkundigte. Der Garten ist vor 10 Tagen in Angriff genommen u. zeigt seitdem wegen Schneefalls etc. eine scheußliche Mischung von Erde und Mist. Seit gestern ist Sabine Honig (für 3 Tage als Logiergast) bei uns. Ich habe wenig davon. Marja ist mit dem blauen Auge vieler "Genügends, auch weniger" nach Quarta versetzt. Aber es ist dabei etwas, das "wir" mißbilligen, und was so immer unexplodiert in der Luft liegt. Sabine hat eine strenge Erziehung, ein gutes Zeugnis, sieht auch reizend aus, leidet aber an einer Stimmaffektion, die vielleicht von der Anstrengung beim Reden mit ihrer schwerhörigen Schwester Marianne herkommt, was dann an eine viel erörterte allerhöchste Erscheinung erinnert. Da auch Frau Gerhard nach langer Pause dick und rund wieder da ist, sind wir 8 um die Dicke (so sagen die Kegelspieler: 8 um den Dicken.)
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| Renate, ordentlich erzogen, entwickelt sich sehr lieblich. Es ist ein Leben im Hause, dem meine tiefe, schwere Melancholie schmerzlich gegenübersteht.
Gestern war ich dienstlich zweimal in der Stadt. Abends noch bis spät Stahlhelmappell. Das ist nun seltsam: die S.A. tagt nicht mehr; wir sind noch da.
Die finanziellen Dinge fordern ständige Beachtung. Eine Einnahmequelle nach der anderen versiegt. Wir haben im Harz sparsam gelebt. Aber solche 8 Tage kosten aber doch 250 M. u. mehr. Und wenn wir nach Budapest fahren sollen, dann geht das an der Substanz. Sie ist gottlob nicht gering. Aber jeder fragt sich nach dem erschütternden Fall Oncken: wie lange bleibe ich im Amt? Für den Berufswechsel ist man zu alt. Ein innerer Grund liegt ja auch nicht vor. Denn das innere Revier - nun ja: es blüht noch; Meine Mühle geht (Deine - B.s) Mühle steht.)
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Ob ich nun trotz meiner Geschwätzigkeit alles erwähnt habe, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß ich wie alle Tage vorzeitig müde bin und nicht viel Gescheites mehr sagen kann.
Und doch: um diese Zeit des Jahres waren wir auf der Reichenau und alle teuren Bilder tauchen täglich auf. Solche unzerstörbaren Wahrheiten müssen doch vor Gott auch ihr Recht behalten, trotz Politik und Wehrfragen und Verträgen und Weltlärm. Mein alter Humboldt dachte so (s. "Humanist. Gymnasium"): der Staat ist eine große Sache, aber die Seele und ihr Gott sind auch eine große Sache. Unsre einsame Gemeinschaft kann ich nicht preisgeben für eine laute Gemeinschaft. Deshalb leuchtet durch unsre Schneelandschaft, die am Tage wieder taut, Heidelberg, Dilsberg, Reichenau, Freudenstadt und alles das als das Beste meines Innern. Ich bin Dir ganz nahe in diesen Tiefen, und wenn ich hinzufüge, daß ich mit meiner Susanne
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| von Herzen eins bin, so spüre ich doch, daß wir alle in einem Letzten beheimatet sind, von dem jeder von uns nur ein Gleichnis ist. "Wir schauen hier in einem dunklen Wort spiegelhaft; dort aber werden wir schauen von Angesicht zu Angesicht". Diese Wahrheit spüre ich in allem täglichen Leid zu Hause; ich weiß um sie aber auch in unsrer unlöslichen Gemeinschaft, in diesem Einssein aus der Wahrheit, die wir gelebt haben und leben. Mit aller gebotenen Erkenntnis menschlicher Begrenztheit sage ich: Du bist bei mir alle Tage. Dadurch lebe ich. Das Äußere gibt diese Lebensmöglichkeiten nicht her. Dora Thümmel ist nicht mehr. Aber ihr Segen liegt auch über diesem Kampf und Schmerz.
Bleibe bei mir alle Tage! Einen herzlichen Gruß von Susanne. Ich grüße Dich in der überwindenden Gewißheit, die unsre Bekenntniskirche ist, als Dein
Eduard.

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Das Buch von Else Croner ist ungarisch unter dem schönen Titel
Spranger Ede
erschienen. Demnächst kommt der "Goethe" auf griechisch.
Die Beilagen erbitte ich zurück.
Innige Grüße
Dein
Eduard.  7.IV.35.