Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. April 1935 (Berlin)


[1 M.]
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Berlin, 19.4.35
Alles wird immer düsterer. Ich empfinde die äußere Seite meines Berufs als Unehre. Ein Rest nach dem anderen, z. T. 700 Jahre alt, verschwindet. (?) Bei der Humboldt-Feier - ich habe an keiner von den drei teilgenommen - ist der Rektor von Rust so angeschnauzt worden, daß mir ein schlichter Unterbeamter sagte, der Mann könne unmöglich Rektor bleiben. Er ist es aber noch.
[2 O.]
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Das große Ereignis dieser Woche war die Mittwochs-Gesellschaft. ... Mein Thema lautete: "Gibt es eine liberale Wissenschaft?" Anwesend waren Drews, Diels, v. Ficker, Groener, Lietzmann, Oncken, Schlitter, Petersen, Wilcken, Wiegand. Abgesagt hatten Fischer, Sauerbruch, Weisbach, Penck. Einfach fortgeblieben war Popitz. Der Vortrag fand viel Interesse.
[3 u.]
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Die Zeitschrift ist im Wiederaufsteigen, und sicher erfordert sie keine Zuschüsse. "Volk im Werden" soll ganz im Niedergang sein. Der Mann sieht übrigens niemals Probleme und ist ganz unfähig zu eigentlich philosophischem Denken.
[4 u.]
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Ich wundere mich immer, wenn noch jemand da ist, der so ist wie früher. Die meisten sind alt, ängstlich, verbittert geworden. Und die Zukunft? - Ich sehe keinen Lichtschimmer.
Was verstehen wir eigentlich unter Christentum? Darüber würde ich gern einmal mit Dir reden. Man trägt das so irgendwie in sich. Aber man hat es nie formuliert, um es nicht zu dogmatisieren. Nun aber heißt es sich abgrenzen. Wie furchtbar könnte eine Erörterung solcher Art sein, wenn sie erlaubt wäre!