Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29./30. April 1935 (Berlin/Dahlem)


[1]
|
Dahlem, 29.IV.35.
Mein innig Geliebtes!
All die Tage ist mir die Nachricht nachgegangen, daß Du wieder so einen Oberstdorfer Anfall gehabt hast. Man weiß ja wohl eigentlich nicht, was das ist. Aber eines müssen wir - leider? - zu wissen lernen, daß wir die Jahre körperlicher Frische hinter uns haben und allerlei Mahnungen kommen, bald schnell hintereinander, bald in erträglichen Pausen. Damals, als Dir das zustieß, war diese Frühlingsluft, die wir schwer vertragen. Bei mir kommt Ähnliches in Traum und Schlaf. "Alpdruck" nennt man es volkstümlich. Es ist eine seelische Depression, die aber wohl auch im System des Leibes wurzelt. Ich muß dann aufstehen und mich lange ablenken, ehe es wieder vergeht. In solchen Stunden rufe ich nach Dir.
Aber fast noch schwerer ist der Alpdruck
[2]
| im Wachen, und ihn werde ich fast nie mehr los. Was ist das eigentlich? Ist es nur das ungewohnte geistige Klima, an das wir uns nicht mehr anpassen können, oder ist es das Unheimliche einer Menschenart ringsum, zu der wir auch früher nicht hätten Ja sagen können? Es wird täglich unerträglicher, bis zur Atemnot. Es umkrampft einen, wenn man morgens aufstehen soll. Genau so schilderte es Litt. Ganz so empfindet es Eberhard König, der Leidgewohnte. Man muß robust sein, um es auszuhalten, und ich erstaune oft, daß ich physisch einigermaßen standhalte. Noch vor 12 Jahren hätte mich eine solche Existenz in kurzer Zeit ruiniert.
Seit heut aber ist mir klar, daß Neues im Gange ist, daß es sich in Deutschland nicht mehr bloß um Machtkämpfe und Stellenjagd handelt, sondern um einen ungeheuren Aufbruch der suchenden deutschen
[3]
| Seele. Die Uniformierung ist auch innerhalb der Partei mißlungen. Sie beginnt, geistig nach 3 Richtungen auseinanderzubrechen - die Rache für die brutale Gleichschaltung! Der Glaube regt sich, als altchristlicher, als deutschchristlicher und als unchristlicher. Ich frage mich, wo ich stehe. Alle 3 Seiten sind noch zu einseitig politisch, [über der zeile] z. T. zu krampfhaft nationalistisch geartet [über der Zeile] orientiert, als daß jemand sich einer Gruppe zugesellen könnte, der das alles doch schon durchgekämpft und durchdacht hat. Die "deutschen Christen" sind personell zu schlecht repräsentiert, zu sehr von Agitation auf den Plan gestellt, als daß man auch nur für einen Moment zu ihnen gerechnet werden möchte. Und doch: ein zeitgemäß, aus deutschem Geist reformiertes Christentum liegt am meisten in meiner Linie. Ich meine auch, daß das schon da war: als Religion von Fichte, Hegel, Schleiermacher, von Schiller und von Goethe. Die kennt natürlich niemand heut, und deshalb lebt niemand sie im Sinne unsrer Zeit weiter. Aber da
[4]
| liegen eigentlich die Wurzeln unsrer Welt. Die deutsche Glaubensbewegung ist mir zu "blutbedingt", zu geschichtslos, obwohl sie einen gesunden Kern hat. Die Bekenntniskirche ist zu sehr ans "Bekenntnis" gebunden, als daß der immer Suchende des 20. Jahrhunderts mitkönnte. Der "Brand" unsrer Tage, nämlich Karl Barth, hat da viel verdorben. Ich fühle mich als Christ, weil ich den Glauben meiner Väter in ihrer Sprache achte, obwohl ich ihn weiterbilde. Ich finde mich in unmittelbarem Verhältnis zu Gott. Aber ich weiß, daß ich dieses Verhältnis nie deuten und aussprechen könnte, wenn ich nicht christlich zu reden gelernt hätte und diese großen Symbole nicht verstände: diese Welt, wie sie ist und werden kann, ist für mich nicht das Letzte. Aber diese Welt ist für mich Erregungspunkt alles Großen und Guten. Ich verstehe von da aus das Mysterium des Leidens, die Erlösungssehnsucht, den wahren, innerlichen
[5]
| Einbruch des Ewigen in das Zeitliche. Ich verstehe auch meine bescheidene Aufgabe als das leidbereite Wirken an einem Stoff, der als solcher es nicht lohnt, der aber die Seele stiller, reicher, reiner und gottnäher macht. Daher nehme ich die Kraft, auch wenn hier alles zusammenbricht, zu glauben und zu wirken - "aus" Glauben. Damit, aber nur damit bleibe ich bei Luther. Denn inhaltlich glaube ich anders als er.
Das sind so hingeworfene Gedanken aus der Bewegtheit des Momentes, auf die ich nicht in jedem Wort schwören kann, die aber in mir "heut" durch die Lektüre der "Baseler" vom Sonntag rege geworden sind. "Gott kommt es auf Deutschland nicht an. Aber Deutschland muß es auf Gott ankommen", - so möchte ich kurz sagen. Und Gott ist nicht das lange Leben, sondern das tiefe Leben, das in sich Ewigkeit hat.
[6]
|
Habe ich eigentlich über den Verlauf der Mittwochsgesellschaft am 17.IV. schon geschrieben? Ich glaube: ja. Am Karfreitag waren Suse und ich in den Ravensbergen bei Potsdam, sehr schön. Sonnabend Nachmittag kam Litt, mit dem ich mich immer tief verstehe. Ostersonntag war ich überreizt und hatte von einem an sich schönen Spaziergang nach Kladow und Sakrow keinen Genuß. Montag war der reizende, aber mir in manchem bedenkliche Christian Biermann zu Mittag u. zu einem kleinen Spaziergang da. Dienstag mußte ich schon wieder lesen. Die Hörerschaft hat sich stabil erhalten. Es ist ein Kreis, der tatsächlich prozentual alle früheren Semester übertrifft - und - das ist eben die Gefahr. Sonnabend war ich in Weimar zur Vorstandssitzung der Goethegesellschaft; besuchte bei dieser Gelegenheit Pfarrer Kirmß u. Frau für ½ Stunde und sah den Ministerialdirektor Buttmann (Parteimitglied Nr 4) aus der Nähe. Ein ordentlicher, aber unfreier Mann.
[7]
|
Gestern Sonntag habe ich furchtbar gearbeitet, während Susanne zu einem musikalischen Tee gehen mußte. Petersen war auch da. Beide brachten mich für 1 knappe Stunde abends noch in den frühlingsmäßigen Grunewald "vermöge" Petersens Auto.
Aber jetzt kann ich nicht mehr schreiben, und Du meine Schrift nicht mehr lesen. Bald mehr!

30.IV.35.
Ich habe gestern in müder Verfassung manches geschrieben, was vielleicht für diesen Zustand zu schwer war. Du wirst es als Ausdruck meiner inneren Bewegung hinnehmen. Immer mehr lerne ich doch, was ich schon längst beachtet habe, daß man in der Welt nichts ausrichtet, wenn man nicht an den Menschentypus anknüpft, der "vorhanden" ist. Er ist im inneren Deutschland nicht eigentlich schlecht, aber oft primitiv. Alle Kultur, die er hätte haben können, ist an ihm abgeglitten. Und was wir jetzt
[8]
| erleben, ist z. T. das Fiasko der Studienräte.
Ich habe die Erzählung von Schönbrunn mit Anteilnahme verfolgt. Die Bilder gaben mir einen Eindruck, obwohl man sie mit der Lupe sehen müßte. Wie lange wird es dauern, ehe diese Stillen im Lande eine moralische Macht werden? Man glaubt natürlich daran; aber was ich unter der Gegenwart leide, knirschend leide, das ist garnicht zu sagen.
Von Frl. Koch sagst Du nichts mehr. Sie ist natürlich längst in Dahlem, ohne daß man sich sieht.
Ich habe fast nur unangenehme Dinge zu erledigen. Man hat mich genötigt, 2 ½ Monate lang vermißte Handschriften zu suchen, die seit 1922 geborgen im Tresor der Akademie liegen. In der Leibnizkommission herrscht ein Konflikt der Mitarbeiter, den ich in 4 Monaten nicht beilegen konnte, so daß ich jetzt zu radikalen Maßnahmen
[9]
| schreiten muß. Heymann, der Jurist der Akademie, ist schwer krank. Menschlich tut es mir leid; sachlich komme ich ohne ihn nicht einen Schritt weiter. Die Gesamtlage in der Un. ist so, daß man ihr lieber nicht angehören möchte. Die alten, erprobten Leute sind großenteils emeritiert. Nun wirtschaften die Neuen, unter denen B. der gefährlichste ist. Er hat L. durch ein Gutachten schwer gefährdet, von dem Ha. mir erzählt hat. Auch gegen mich arbeitet er unablässig.
Gestern haben wir - nun bald am Abschluß der Besuche - uns bei Eulenburgs u. Frau Holl vorgestellt. Die Letztere ist von einer mitreißenden Frische und Sicherheit. Überall so viel Gleichgesinnte - alle ohne Einfluß.
Im Hause wird gestrichen, im Garten wird gesät. Das eine fließt, das andre fliegt davon. Wie zeitgemäß! es ist nur Plunder!
Ich arbeite enorm und komme mit dem Dienstlichen vorwärts (unglaublich viele Mss.), seltsamer Weise auch mit dem Philosophischen, das sich mir durch Zwang der
[10]
| Vorlesung zu ordnen beginnt.
Aber wo lebt man eigentlich? Ich fühle die wechselvollen Jahre der Gemeinschaft mit Dir, in aller Müdigkeit und stetem Kampf der Gegenwart. Die Wärme meines Hauses, stets ungetrübt, erfüllt mich mit tiefem Dank gegen Gott. Da ist ein Ruhendes. - Du und ich, wir sind durch alle Stürme vereint gegangen und daran gewachsen. Unser Herz ist dabei nicht ruhig geworden. Und so soll es wohl sein. Dies unruhevolle Herz tragen wir beide der Ewigkeit entgegen. Aber ich habe einem F. gestern ein Autogramm gesandt: "Wer nicht die Ewigkeit in sich trägt, wird sie in der Zukunft vergeblich suchen." Ich habe die Gewißheit, daß wir jeden Kampf bis zum letzten gemeinsam kämpfen werden. Die räumliche Entfernung ist bitter. Die Zeit ist unsre Not. Aber jeden Tag spüre ich jetzt, wie ich mit Dir Hand in Hand auf der Reichenau gehe. Wir haben unsre Pfähle in den Grund gerammt. Was sind dagegen Jahrtausende? Ich suche Dich und ich weiß, daß ich Dich finde. So werden wir uns auch noch in einer andern Welt <re. Rand> entgegenschweben. Alles von einst und heut steht vor mir. So leben wir - höchst unzeitgemäß - die Wahrheit. Dein Eduard.