Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. Mai 1935 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, 6. Mai 35.
Heut vor 30 Jahren hat mich
Erman promoviert.
Mein innig Geliebtes!
Nur eine kurze Mitteilung heut, die z. T. praktisch veranlaßt wird: ich habe am 19. Mai doch noch eine Rede über Humboldt für die "Freunde des humanistischen Gymnasiums" zu halten, vor einer Antigone-Aufführung. Deshalb wäre ich Dir für die Mitteilung Deiner Notizen recht dankbar.
Wenn man die Leute, die so gelegentlich kommen, barometrisch deuten darf, steht es nicht schlecht. Sonnabend war Prof. Adolf Meyer (Naturphilosoph aus Hamburg) zu Mittag da. Später ging ich noch zum Mucki, wo es wieder recht ertragreich war. Heut Nachmittag war Liselotte Henrich da, klug u. weitsichtig. Realität bleibt die gleiche: alles im Stile der ehemaligen Kontrollversamlungen. Ich verwende viel Zeit pflichtgemäß auf die Preisarbeiten und
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| habe nun wohl ca 1500 Seiten geschafft. Daneben laufen immer Dissertationen. Im Kolleg halten sich die Leute. Man hat also noch etwas zu bieten. Dabei ist das Thema ganz inaktuell - einfach sachlich - erkenntnistheoretisch.
Am 1. Mai ist nach allen Berichten hier viel erfroren.
Ich habe Scherereien nach allen Seiten, besonders mit der Leibnizkommission. Das Streichen im Hause dauert fort. (teuer); der Garten ist notdürftig hergerichtet. Wir müssen wohl mit Währungserlebnissen à la Danzig rechnen.
Grüße bitte den Vorstand. Solche Leute werden doch seltener. 5% sagt Mucki. Aber wohin geht es? Die Probe der Geduld ist bitter. Ich entbehre deshalb die Frische. Und doch kommt es darauf an, sich kräftig zu halten. Dank für deinen lieben Brief! Hedwig Koch konnte ich noch nicht sprechen.
Innigst Dein

Eduard.