Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19./21. Mai 1935 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 19. Mai 1935.
Mein innig Geliebtes!
Es ist immer schlimm, wenn Sonnabend und Sonntag keinen Spielraum geben, sondern "durchgearbeitet" werden müssen. Gestern hatte ich 5 Doktorprüfungen (schauerlicher Qualität) und 2 Stunden Rekrutendienst beim Stahlhelm auf dem Hof der Dahlemer Domäne. Heute Vormittag mußte ich die Humboldt-Ansprache halten, und nachmittags habe ich fast 5 Stunden fürs Kolleg gearbeitet. So geht es denn die nächsten Tage fort - und wie lange kann es noch so gehen, wenn der Hebel der Freude fehlt?
Deine Notizen aus den Humboldtbriefen habe ich durchgesehen und sie haben mir manche wertvolle Stellen gebracht. Das war mir ein liebes Zusammensein mit Dir. Trotzdem ist mir die Ansprache von 25 Minuten (vor der Antigoneaufführung) völlig
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| mißlungen. Man kann sich schon keine Vorstellung machen von der Nervosität des Theatervolkes vor einer Aufführung auf der Bühne; Gottlob auch keine Vorstellung von dem Dreck, den man von da mitnimmt, wenn man nur die Räder des Pultes anfaßt. Man kennt die Tontragweise des Raumes nicht, infolgedessen habe ich ganz falsch intoniert und kam nicht in die richtige Weise zurück. Mein Ms. - ich mußte schon vorlesen wegen der Formgebung, der Zitate und der genauen Zeitinhalte - konnte ich bei der entstandenen Doppelbeleuchtung weder mit Glas noch ohne Glas lesen. Ich versprach mich an den schönsten Stellen, und obwohl der Text gut war - ich hatte ihn in wenigen Zwischenstunden entworfen - hat mich meine Leistung garnicht befriedigt. Susanne spürt dann weder die Nuancen der Leistung noch meine tiefe Enttäuschung über mich hinterher. Das ergab dann noch einen schweigsamen Nachmittag. Es kommt hinzu, daß man durch den
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| allgemeinen deutschen Maulkorb ohnehin um die Unmittelbarkeit des Redens gebracht ist. Kurz - es war ein Trauerspiel. Aber die Aufführung selbst war gut, wennschon nicht sehr gut, und so wird der fatale Eindruck bei den Hörern ausgeglichen sein.
Es ist sehr schwer zu leben. Was ich vor 2 Jahren tat, hat sich in seinem Recht aufs bitterste bestätigt. Es ist nun tatsächlich alles in dem Hause Humboldts zerstört. Das Neueste ist, daß Hoetzsch mitten im Semester in den Ruhestand versetzt ist. Seine Doktorkandidaten durfte er nicht einmal mehr prüfen. Gründe mir bisher unbekannt. Es ist nicht gerade ein edelster Teil zerstört - leider nein - aber so geht es nun, ohne Verfahren. Und was man hört und wen man spricht - immer dasselbe Bild, immer dieselbe tiefe Fremdheit, ohne daß je Gelegenheit zu einer Aussprache käme. Ich werde so müde, so hoffnungslos, daß ich kaum noch das Semester schaffen werde. Allerdings fängt das nächste erst am 1.XI an.
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| Solche Blamagen macht sich die Verwaltung ohne jedes Wort der Erklärung. So ist es durchweg.
Die Post schrumpft auf laufende Dinge zusammen - ein Zeichen geistiger u. wirtschaftlicher Stagnation. Die gute Susanne, die sich mit allem Mühe gibt, findet trotzdem kein Mittel, die Unordnung bei mir auch nur im mindesten zu lichten. Ich kann in m. Arbeitszimmer kaum noch treten. Denn alles liegt auf der Erde herum, und alles ist trotzdem niemals aufzufinden.
Die Leibnizkommission bringt nichts als Scherereien, beinahe Gerichtsverhandlungen; die Kantkommission führt zu vielen Mühen, weil die Akademieorgane schlumpern; die Gesellschaft für deutsche Erziehungs- u. Schulgeschichte werde ich nicht am Leben halten können, obwohl sie mich bis in die Nachtgedanken hinein quält.
Ich war neulich bei einem Gemeindeabend der Dahlemer Kirche - nur unter Männern. Aber viel Tröstliches war auch
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| da nicht. Man müßte 1000 Hebel haben, um überall ansetzen zu können. Vor allem: man sollte Tagebuch führen; denn was jetzt so an Schlamm täglich und stündlich herangespült wird, das kann ja künftig keiner glauben, wenn er es nicht aus 1000 Einzelheiten zusammensetzt, die ihm überliefert werden.
Es will heute Abend wieder einmal nicht weitergehen. Die kleinen Dinge, die doch gemacht sein wollen - 16 Doktorprüfungen in dieser Woche z. B. - verschlingen alle Kraft und Frische und Bewegungsfreiheit. Aber ich denke an Dich und an bessere Zeiten.

21.V.
Die angefangenen Zeilen sind 2 Tage liegen geblieben, und ich habe inzwischen Deinen lieben Sonntagsbrief entbehren müssen. Natürlich mache ich mir Sorgen, weshalb? Und ich finde es immer noch die beste Lösung, wenn Du nur deshalb nicht geschrieben hast, weil ich nicht geschrieben habe, vielmehr
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| nicht schreiben konnte. Ich habe, seit Du mir die sorgfältig ausgewählten Humboldtstellen schicktest, nichts von Deinem Ergehen gehört. Hoffentlich bist Du nicht erfroren. Wir haben bis gestern geheizt.
Das Bild hat sich nicht geändert und wird sich auch heut Abend nicht ändern. Privatim ist meine Sorge, wie ich nur durch die äußere Arbeitslast der nächsten 40 Tage noch hindurchkommen soll. Es gibt schließlich immer noch ein paar menschliche Neigungen oder Pflichten, die man erfüllen möchte. Aber wir konnten nicht einmal Ludwigs zum Kaffee bitten.
Heute früh kam die Nachricht, daß der OVG R v. Müller, der Mann der Gertrud Scholz, gestorben ist. - Eine gute Nachricht aus dem "Büro" Hans Günther, daß Leisegang aktiver Hauptmann bei der Reichswehr sein soll.
Die kollegialen Verhältnisse nehmen immer mehr den Charakter stiller Feindschaft an. Ich weiß genau, daß B. u. R.
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| gegen mich arbeiten. Der große R. arbeitet nun wohl auch gegen B. Aber ob er dabei den Sieg behalten wird, ist mindestens zweifelhaft. Eine besonders unerfreuliche Erscheinung in unserem Kreise ist ein Althistoriker, der Herkunft nach aus Heidelberg.
Marja sehe ich selten; denn an den meisten Abenden liegt etwas vor. Aber sie ist vergnügt. Bei uns wird dieser Zustand immer seltener. Meine Gedanken sind ernstlich auf einen Wechsel gerichtet; aber ich sehe keine Möglichkeiten.
Ich schließe diese Zeilen (vor 5 Doktorprüfungen) in der dringenden Hoffnung, bald von Dir zu hören. Habe Dank, auch für die Humboldthilfe, und sei innig gegrüßt mit guten Wünschen von
Deinem Eduard.