Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. Juni 1935 (Berlin/Dahlem)


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2. Juni 1935.
Mein innig Geliebtes!
Einen eigentlichen Brief werde ich bei meiner heutigen Arbeitsfülle nicht schreiben, auch die Humboldtzettel noch nicht zurücksenden können (sie folgen mit dem Druck meines kleinen Vortrages); aber ich möchte Dir doch einen kurzen Gruß zum 3. Juni senden und Dir für Deine gestern eingetroffenen lieben Zeilen danken.
Wenn man doch irgend etwas Hoffnungsvolles berichten könnte! Aber alles entwickelt sich in der entgegengesetzten Richtung: Hötzsch ohne Angabe von Gründen mitten im Semester pensioniert (Sus. machte seiner Frau einen Rekonvalescenz Besuch.) Köhlers 3 Assistenten in s. Abwesenheit fristlos entlassen. Der Nachbar Hertz geht (gekränkt) in die Industrie. Und in diesem Stil weiter! Eine bedrückende Atmosphäre.
Auch die Last des Tages wird immer größer. Für den letzten Doktortermin (27. Juni!) sollen mir 35 Kandidaten
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| zugewiesen werden. Die Preisarbeiten drängen u. sind noch immer nicht bewältigt. Die Vorlesung u. das Seminar werden natürlich schwerer. Keine Pfingstferien ....... Es geht kaum noch.
Ein Lichtblick ist die persönliche Mitteilung über den geplanten Ehrendoktor durch den Rektor v. Budapest, vielleicht auch zeitweise ein Schutzamulett.
Wir haben gestern die erste "Gesellschaft" gegeben, wozu wir ja verpflichtet waren, nachdem wir selbst manche Einladung angenommen hatten. Es waren da: Meinecke, u. Frau, Richter u. Frau, Exc. v. Glasenapp und Tochter, Weißbach (Kunsthistoriker), Otto (Prag, zufällig hier; wünscht Vortrag von mir dort ....... ~~) Badinas [über dem Namen] ? (Athen), Rosenfeld (Åbo). Alles klappte sehr gut; aber es war doch eine kl. Aufregung u. eine Anstrengung.
Heute haben wir Jägers besucht. Schulpforta hat also aufgehört u. wird Nationalpolitische Erziehungsanstalt. Vor 8 Tagen waren wir bei Schumachers zum Tee (emeritiert) u. Mittwoch war die Mittwochsgesellschaft
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| bei Groener in Potsdam. Das kostet auch immer Zeit und Kraft. Dienstag will ich mich mit Litt in Wittenberg treffen (notwendige Aussprache.)
Gegen ca 4000 Studenten, die beim "Appell" gefehlt haben, schwebt ein Disziplinarverfahren. Das muß viel Mühe machen.
Du bist also heut auf dem Weißen Stein. Hoffentlich ist das Wetter wie hier gut. In diesen ernsten Zeiten gehen die Gedanken oft in die Anfänge wie in die Tiefen. Sie sind so oft bei Dir; Du mußt es fühlen, wie ich fühle, daß Du immer mit dem Schwersten u. Letzten ringst; - auch den Deinigen gegenüber. Mucki sagte, das sei viel schlimmer als die Glaubensspaltung. Könnte man doch telepathisch sich aussprechen. Es ist so viel zu sagen, so Wesentliches, die Grundfesten der Existenz Berührendes.
Aber schreiben kann ich heut nicht mehr. Ich muß noch dem Rektor v. Zürich danken, den Du auch kennst (v. Meyenburg in der "Schipf") der in s. Rektoratsrede meiner wiederholt ehrend gedacht hat. Und noch sonst viel erledigen. Nur noch die Mitteilung, daß
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| das ehrwürdige Frl. Klostermann gestorben ist.
Eine Dachreparatur war schon wieder notwendig. Marja ist mal wieder erkältet u. liegt "ein bißchen" im Bett. Sie ist nicht widerstandsfähig.
Nun also ein inniges u. treues Gedenken zum 3. Juni - die alten, schönen, wehmütigen Bilder! - und innige Grüße. Auch Susanne grüßt herzlich.
Dein
Eduard.

[] Bitte W.s und den armen Vorstand vielmals zu grüßen.