Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. Juni 1935 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 9. Juni 35.
Mein innig Geliebtes!
Wenn dieser Brief um 9 ¼ in den Kasten kommt, so kann er Dich noch pünktlich zum 1. Pfingsttag erreichen. Allerdings wird er dann auch nicht viel mehr enthalten als einen herzlichen, treuen Gruß zum Fest. Seit meinem Schreiben vom 2.VI. ist nicht viel Neues zu berichten, höchstens, daß ich Mühe haben, mit den Kräften auszukommen, und daß es immer anstrengender wird. Dienstag muß schon wieder gelesen werden. Heut habe ich 8 Doktorkandidaten (von den 40!) und über Mittag, d. h. zu Mittag, kommen 5 Tietjens, so daß der Mittagsschlaf ausfällt.
Am Dienstag mit L. war es sehr wohltuend. Völlige Einigkeit, aber auch kein Funke von Optimismus.
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| Als ich um 21 von Wittenberg zurückkam, war Erika da. Sie ist recht unförmlich stark geworden. Aber immer sehr lieb. Auch hier Einigkeit. Dasselbe gestern mit dem Direktor der Deutschen Schule aus einer nordischen Stadt, die ich besucht habe.
Der Chemiker Schlenk ist nach Tübingen versetzt. Mein Freund Wach ist auch aus dem Amt. Der Besuch der Vorlesungen ist seit Himmelfahrt sehr abgesackt, anscheinend nicht nur bei mir. Seminar gestern Nachm. ausgezeichnet.
Ich muß mich jetzt nicht nur für die Vorlesung, mit biologischen Theorien beschäftigen und lese Driesch, Philosophie des Organischen. Das wird mir oft doch schwer. Ich merke, daß ich alt werde, nicht nur am Schwererbegreifen, sondern auch am Wandel der geistigen Situation: Um 1900 ging man bewußt der Biologie aus dem Wege, um sich vom Joch des Materialismus zu befreien. Heut wird der Hintergrund des Biologischen geradezu zur Bestätigung der geistigen Welt, und man wünschte mehr
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| davon zu verstehen.
Ich sende nun doch schon die lieben Zettel zurück. Leider entsteht dadurch der Eindruck einer Pfingstgabe, die ich nicht habe.
Stattdessen wollte ich Dich eines fragen, freibleibend: der gute, aber anscheinend verlöschende Brosius geht im Juli vielleicht zu einer billigen Erholung nach dem Schwarzwald. Frl. Dorer hat ihm z. B. auf Falkau Hoffnung gemacht. Könntest Du ihm, falls er will, ein Gratisnachtlager mit Frühstück in der gesonderten Seitenkammer ohne allzugroße Mühe zur Verfügung stellen. Ich bin jetzt auch etwas dreist, weil statt des einen Tietjen, den ich zu Mittag eingeladen habe, heut fünfe kommen.
Der Brief muß fort. Susanne dankt Dir herzlich für den Deinigen, und ich ebenfalls für die darin mir zugedachten Nachrichten. Viel herzliche Wünsche zum Fest u. ein inniges Gedenken!
Dein
Eduard.