Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16./19. Juni 1935 (Berlin/Dahlem)


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16.6.35.
Mein innig Geliebtes!
Weder Sonnabend noch Sonntag vorm. frei. Ich beginne mit abrupten Mitteilungen, um Dich nicht ohne Nachricht zu lassen. Aber um 11 nach buntem Tage ist nicht viel Gescheites zu hoffen. Dank zunächst für Deinen lieben Brief über den Ausflug nach dem Weißen Stein und nach Worms. Solche "Unternehmungen" brächte ich jetzt nicht fertig.
Am Dienstag war jemand recht Interessantes bei mir, jemand, der noch etwas weiß und einmal dem Papin nahestand, der den Topf erfunden hat. Obwohl nicht viel Tröstliches herauskam, so doch dies, daß er meint, der Dampf müsse aus dem Topf heraus, weil er nichts Gutes sei. Mittwoch war ich als "Präsident" der Berliner Goethegesellschaft zuerst in Wannsee tätig - ein Familienkreis schlimmster Sorte. Gestern habe ich 10 Doktorprüfungen gehabt - ¼ des letzten Termins.
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Nun ist gestern etwas Neues aufgetaucht. Der Präsident von Griechenland hat mir einen hohen Orden verliehen, den mir der Gesandte am 20. persönlich überreichen wollte. Er hat aber anscheinend (?) vergessen (?), das A.A. zu benachrichtigen. Jedenfalls erklärte es auf Anfrage, nichts zu wissen. Und so muß ich erst über den "Dienstweg" an m. Minister gehen. Ich bin neugierig, was da herauskommt, und wann??
Der Günther weiß immer allerhand; aber auch nichts Gutes. Er windet sich so zwischen den Spyllen u. Charybden hindurch. Aber er hat immer guten Mut, obwohl sie ihm auch ans Leder gehen, und das Bild, das er malt, erinnert an die Löwen, die sich gegenseitig auffressen. Vorläufig scheint diese Table d'hôte noch ganz nahrhaft. Aber die "Butten" bringen sich in Sicherheit. Kein gutes Zeichen; denn sie wollen wohl nicht aufgefressen werden.

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19.6.35.
spät u. todmüde.
Von heut bis zum Ende des Monats - über den 27. hinweg - muß ich quasi, d. h. sichtbar, von Dir Abschied nehmen. Denn es geht nun ums Ganze und mit dem Rest der Kraft. Bedenke bitte, daß ich im Juni allein 60 Prüfungen habe: Staats- u. Doktorprüfungen. Die Vorlesung erfordert einen Schlußanstieg. Die Preisarbeitenbeschlüsse müssen formuliert werden; Dissertationen, die gestern kamen, sollen bis zum 24. erledigt sein. Das bringt so leicht keiner fertig, wenn er nicht einiges subaltern behandelt, und das tue ich nicht - noch immer nicht.
Die Ordensgeschichte führte zu dem üblichen hin - u. her. Das A.A. hat 2 Meinungen und das K.M. vermutlich keine. Genug: ich gehe morgen auf die griechische Gesandtschaft mit Jaeger, Lietzmann, Rabel.
Sonntage gibt es längst nicht mehr. Wir müssen "repräsentieren", weil die Ausländer sich nur aus unsresgleichen etwas machen. Am letzten Sonntag: Besuch bei Lüders, Imhülsen, Planck, nachm. bei Franke, (ratsuchend), abends
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| kam Hedwig Koch, der man im P.F. Hause den "Stürmer" ausgehängt hat. Montag: Vorlesung, 12 Uhr Trauerfeier für Präs. v. Mendelssohn, 4-8. Staatsexamen. Dienstag: 10-11 Vorles. ½ 12-1 Sprechstunde 4-8. Staatsexamen. So geht es. Zu denken beginne ich Abends um ½ 10.
Wach ist aus dem Lehramt entfernt. Tietjen schreibt Grundlegungen, wie man Pannekuchen aus Luft backt. Deine Zeitungsausschnitte zeigen auch diese Kochmethode. Dank dafür. Heyse sprach in der Kantgesellsch. Ich gehe grundsätzlich nicht hin (solange in der Schwebe), lud ihn aber zu Mittag ein. Er kniff. Zeitung berichtet seltsam über ausgebliebenes Echo. Emge [über der Zeile] Pg wollte die K.G. reorganisieren. Löpelmann Rg. schreibt ihm groben Brief: er werde das machen. Das sind doch nun alles Gesellschaften, deren Mitglieder freiwillig zahlen. Es ist eine Zeit der Zeichen u. Wunder.
Ich muß ins Bett u. bitte - notgedrungen - um Urlaub bis Anfang Juli. Aber ich denke natürlich jeden Tag an Dich.
Innigst Dein
Eduard.