Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. Juni 1935 (Berlin/Dahlem)


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29.6.35.
Mein innig Geliebtes!
"Viel ist mit mir nicht los". Aber ich fange wenigstens an zu schreiben, und danke Dir vor allem für Deine lieben treuen Zeilen wie für den Schleiermacher, der in sich bedeutsam ist und alte liebe Erinnerungen mitbringt.
Der Geburtstag "fiel aus". Ich hatte Vorlesung, nachm. 5–7 die öffentliche Leibnizsitzung der Akademie und dann noch Abstimmung über meine 34 u. die anderen Kandidaten, welche letztere ich allerdings geschwänzt habe. Es war eine gräßliche Hitze. Außerdem mußte ich mich für den letzten Semestertag vorbereiten: Schluß der Vorlesung u. des Seminars.
Schon vor der Vorlesung erschienen
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| Klara Rauhut und Brosius; beide sah ich nur flüchtig. Über Mittag war doch Christian Biermann da, den wir auszuladen vergessen hatten, und im Vorbeigehen Frau Gomies. In m. Abwesenheit kamen noch Prof. Lenz jr. und der Maler Tacke.
Wir saßen zu vieren ein Stündchen auf der Terasse. Dann habe ich im Schweiße meines Angesichts gearbeitet. Man sah Wolken wie im Krakataujahr; und tatsächlich kam dann ja auch das Erdbeben. Habt ihr davon viel gespürt?
Von meinen Rosen, Nelken und sonstigen Schönheiten habe ich wenig gehabt, da ich auch gestern den ganzen Tag fort war. Die Zahl der Glückwünsche erreicht fast wieder 100; besonders gefreut haben mich Brief von Kirmß (nun 85) und Seitz. Der Vorstand schrieb sehr lieb – man sieht aber doch die Veränderung. Von Frau Witting und Felizitas viel
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| Klagen. – Ich vermisse eigentlich nur – meine beiden Schwestern Adelheidund Lore – und den alten Freund Holzhausen, der wohl verbittert ist. Hans Heyse hat neulich hier einen Vortrag gehalten. Da ich die Veranstaltungen der Kantgesellschaft nicht besuche, ging ich nicht hin; wir luden ihn aber zu Mittag am folgenden Tage. Natürlich kam er nicht. Das ist doch auch charakteristisch: wir haben nichts miteinander vorgehabt. Warum vermeiden diese Leute ein Wiedersehen? Auch Hermann schrieb. Die Vorstellung von dem Umschulungslager der 6000 Philologen in Heringsdorf ist für mich fürchterlich.
Marja scheint seit gestern die Masern zu haben, nachdem Renate sie schnell und gut überwunden hat. Sie sollte in diesen Tagen wieder auf das Gut in Mecklenburg. Das wird sich nun mindestens hinausschieben. Frau Bons Urlaub vom 15.VII. an (Strasens gehen gleichzeitig fort) wird hoffentlich da
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|durch nicht berührt. Von unsren Plänen schreibe ich heut noch nichts. Ich habe noch nicht die Kraft zu Entschlüssen, und die Mittellinie zwischen Heidelberg und Partenkirchen will sich nicht so leicht finden lassen. Das zweite würde ich garnicht in Betracht ziehen, wenn man nicht mit Bestimmtheit fürchten müßte, daß ein Wiedersehen im nächsten Jahr nicht mehr möglich sein wird.
Was ich in diesem Semester habe arbeiten müssen, besonders in den letztem 14 Tagen, war dann doch auch für mich zu viel. Ich fühle mich wie der Reiter am Bodensee. Daß diese – garnicht vorbereitete – Vorlesung glatt zu Ende kam, ist ein Wunder. Seit dem 1. Juni war großer Hörerverlust, der übrigens von den Kollegen auch festgestellt wurde. Ich habe gestern mit 120–150 geschlossen. Die Dankesovation, die man mir brachte, war bemerkenswert warm und lang. Aber
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| wenn man dann, wie ich heut, Semesterprüfungen abhält, sieht man, was man "angerichtet" hat. Das Seminar ging ebenfalls in guter Form zu Ende. Es hat sich auf einer beträchtlichen Höhe bewegt. – Der Preis der Akademie ist an den Oberstudiendirektor Franz in Harburg gefallen. Auch diese Qual hat nun ein Ende. Das Gutachten allein, das vorgestern vorgelesen wurde, umfaßte 4 große Druckseiten. Ich habe aber Nicolai ordentlich herangeholt.
Warum hast Du mir nicht zu dem Erlöserorden gratuliert? Er wird um den Hals getragen u. sieht sehr schön aus. Übrigens wollen Frau Louvaris u. Sohn Ende Juli nach Heidelberg kommen. Brosius will "um den 11. Juli" reisen. Er freut sich u. ist im voraus sehr dankbar.
Auf Deine [über der Zeile] StadtSparkasse habe ich für Dich 300 M überwiesen. Frage doch bitte nach, ob die Sendung eingetroffen ist, und laß sie eintragen.
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Heut ist kleiner Studententee zum Semesterschluß mit lauter "neuen". Wir sind im ganzen nur 9.  Morgen kommen 4 Ludwigs u. vielleicht Lenz jr. Montag wollen wir den ganzen Tag fort; ich muß einmal Entspannung haben. Optimistische Nachrichten, die ein bißchen aufrichten, bringt immer nur der Hans G. Er geht jetzt mit seiner Frau nach Saig oder Kappel. Sonst steht man immer unter Gemütsdruck. Alle Briefe lauten ebenso. In der nächsten Woche werden wir auch nach Schloß Tegel fahren. Die Herren v. Heinz wollen etwas mit mir besprechen. Tante Wally ist eingeladen. Was zu erledigen ist, reicht für den Juli. Ich glaube, daß ich mit diesen nüchternen Berichten für heut Schluß machen muß. Vielleicht erreicht Dich dann der Brief noch zum Sonntag. Ich habe in ihm mit Dir ein bißchen Geburtstag gefeiert. Sei nun innig gegrüßt und empfange noch einmal herzlichen Dank. Susanne, das immer gleiche warme und milde Licht um mich, grüßt Dich ebenfalls <li. Rand> herzlich.   Dein Eduard. []   Von Käthe Kiehm – 53 Rosen.
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| <beigefügter Zettel>
Die beiden Briefe Bände sind auch äußerlich wunderschön. Sie sind in s. Todesjahr erschienen.
Daß ich Freunde in der Villa Illaire habe, weißt Du – Frhr. v. Dungern.