Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. Juni 1935 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 30. Juni 35. - -
Mein innig Geliebtes!
Dein Brief kam gestern Abend und hat sich mit dem meinigen gekreuzt. Meine Meinung zu der Hauptfrage ist, daß Du die technisch eingekleidete Einladung wohl annehmen solltest. Äußerlich kommt gerade das Reisegeld heraus, und ich würde so etwas an H.s Stelle nicht deichseln. Aber, als Aushilfe frisiert, würde es wohl glatt gehen. Für die Dauer hielte ich es für unzulässig und übrigens auch für eine nicht durchaus wünschenswerte Gestaltung Deiner Existenz. Vielleicht wäre es Dir recht, vor der Stolper Reise etwa 10 Tage bei mir Station zu machen. Du weißt: ein eigentliches Fremdenzimmer ist nicht da. Aber wir bauen etwas um, so daß Du nicht Not leidest u. Ruhe hast. Sehr gern würde ich außerdem mindestens 3 Tage bei Dir in H. sein. Aber Du mußt heute
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| Nachsicht haben, wenn ich ebensowenig wie gestern etwas über die Reisepläne, vor allem das Ziel, sagen kann. Wir zerbrechen uns den Kopf, finden aber nichts was mir ganz paßt und den schmalen Zeiten angemessen wäre. Bis Mitte Juli werden wir uns ja klar sein müssen. Sicher ist, daß ich am 26.VIII in Weimar und zu einem Vortrag am 4.IX. in Berlin sein muß.
Ich schreibe eilig, weil Du Antwort haben mußt. Der Kopf ist heut schwerfällig. Die Müdigkeit kommt nach, und [über der Zeile] der Rest der Kraft wird durch unsre großen "Hausfeste" (d.h. Tee mit Torte) schwer in Anspruch genommen. Gestern mit den 9 Studenten und - immer ging es gut; nur Susanne hat sich überfressen. Heut waren die 4 Ludwigs da u. Lenz jr. Ursula - die Kranke - hat sich am 27. Juni plötzlich u. etwas ~ ~ romantisch verlobt. Hoffen wir! Lore, angeblich erst 16, ist eine Schönheit, von der man selbst als Patenonkel garnicht weggucken kann. Lenz hat Monate in Mittenwald gelebt. Aber dies sind kleine Vorspiele. Ich habe es soeben durch Bitten von Susanne erlangt¹) [Fuß] ¹) so übersetzt man das lat. impetrare, daß die Verwandteninvasion, die da von Potsdam her
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| kommen wird, auf 7 statt auf 8 Kinder beschränkt bleiben soll. Mit dieser kleinen Privatschule werde ich also am Montag 8.VIII. durch Berlin ziehen, falls kein Schutzmann die Ansammlung zerstreut. Diese Woche habe ich möglicherweise noch etwas allgemein sehr Wichtiges. Deshalb ist es¹) [li. Rand] ¹) d.h. das Thing der Conradine auf übernächste Woche verschoben. Es kommen also: die Bärbel aus Memel, die Zwillinge und der Held (Stahlhelmheld) Rutker aus Gumbinnen, Marianne u. Sabine aus Potsdam, - den im Alter nicht passenden Werner habe ich abgehalftert. Eigentlich freue ich mich auch darauf, obwohl Susannes ganze Mitgift an diesem Tage verbraucht zu werden droht.
Die Karte unsrer alten Freundin zeigt das, was ich an meinem so lieben Geburtstagsgruß spürte, in gesteigertem Maße. Bei der gleichaltrigen Tante Tilly - Köln ist es ähnlich, aber doch besser. Nun müßtest Du mal den 4 Seiten la[über der Zeile] ngen Brief von Kirmß (85) daneben sehen. Ich bin heut mehr bei den Altersschwachen. Du merkst das u. nimmst es nicht übel. Was die Reiseprojekte so schwierig macht, aus<re. Rand>einanderzusetzen, würde viel Raum fordern. Das Eigentliche aber ist - politisch gesagt - die "gebotene Sparsamkeit", die mit den eigentlichen Wünschen kollidiert. Denn Zeit genug wäre diesmal recht [über der Zeile] wohl da. Gute Nacht innigst Dein Ed.
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Unten stehen die Spuren meines Fleißes u. des fehlenden Briefblocks. Brosius Cunctator behauptete gestern, er werde am 11.VII reisen, kommt dann also am Abend an. Es wär gut für ihn, wenn er 2 Nächte bleiben könnte. Vielleicht gibt er Dir ein Bild der Lage, falls zufällig das Gehege seiner Zähne offen sein sollte. Aber mach die Sache billig. Schloß - Neckargemünd sind wohl das Wichtigste. Er geht in den Markenhof bei Himmelreich. Das Himmelreich ist aber heutzutage nur 450 m. hoch. Devalvation auch da!
<Fuß, Notizen>
Nic. Hartmann
S. 107ff
    133ff
Fundierung 500