Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14. Juli 1935 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 14. Juli 35.
Mein innig Geliebtes!
Gestern haben sich Strasens verabschiedet; morgen reist Marja nach Mecklenburg, und Frau Bon geht auf Urlaub, allerdings nur 1 km weit die Straße aufwärts. Wir werden also mit der hilfreichen Klara Rauhut 14 Tage allein wirtschaften. Marja hat die Masern gut überstanden. Ich werde sie erst am 29. August wiedersehen. Leider ist das so, daß ich sie jetzt kaum noch Pflegetochter nenne, sondern meine "Kost- und Logistochter."
Ich habe heut seit 14 Tagen Ferien. Anfangs ging es mir besser als jetzt. Ich habe noch jeden Tag, den wir nicht als Tagesausflug benutzten, energisch zu arbeiten versucht. Aber es ging doch jeden Tag schlechter. Und jeden Tag legte sich mir die staubige Atmosphäre stärker
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| auf die Brust. Ich bin physisch ohne alle Spannkraft, psychisch aber noch mehr herunter. Seltsam ist es, daß alle ohne Ausnahme immer Gewitterstimmung spüren. Die Zeitungsnachricht, die Du mir beilegtest, bestätigt das nur aus einer bestimmten Gegend her. Aber wenn es sich einmal abregnete, fürchte ich, gar keine Reservekräfte mehr zu haben. Oder ist es nun einfach Alter? Es formt sich mir nichts mehr. Ich bin - ausgepumpt.
Am Montag waren wir beide in Krampnitz bei Potsdam, dann Meierei (s. Fontane.) Am Dienstag habe ich die 3 Jungen und 3 Mädchen durch Berlin u. das Museum geführt, mit dem Erfolg, daß ich für den Rest des Tages aber auch gänzlich erledigt war. Freitag habe ich m. Exerzierübung fortgesetzt. Am gleichen Tage hat sich entschieden, daß die Gesellsch. f. dtsche Erziehungs- u. Schulgeschichte aufgelöst
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| werden muß. Eine Aktion gegen die "Erz." scheint auch im Gange. Das liegt ja nun alles auf derselben Ebene und sollte einen im einzelnen nicht mehr aufregen. Aber das tut es doch, und so kommt jeden Tag ein neuer Stoß. Übrigens hören auch die amtlichen Geschäfte keineswegs auf. Die Briefe und Papiere häufen sich zu Stößen. Gestern war ich ganz unten. Eine Klageslektüre (von 1000 Seiten) ist auch alles andere als erhebend.
Heut Vormittag war Frau Holl da, mit ihr das Ehepaar Kühn, das ins Ausland geht (die Kantgesellschaft darf als tot gelten; anscheinend sollen die Wiederbelebungsversuche, Heyse anvertraut werden, der hier einen völlig mißlungenen Vortrag gehalten hat, ohne unserer Einladung zu folgen.) Nachmittags waren wir bei Hertha Siemering. Morgen soll wieder ein Tagesausflug stattfinden, mit Bärbel, der 13½ jährigen Tochter des
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| Schwagers in Althof, aus erster Ehe; anscheinend etwas Stiefkindsituation. Am Sonnabend erwarte ich den Oger mit 1-2 Gleichgestimmten. Sonntag Tomoeda (japanischen Freund) Montag werden wir mit Seitz u. Glasenapps in Potsdam zusammen sein.
Der österreichische Kulturbund hat mich wiederum wie voriges Jahr zu einem repräsentativen Vortrag aufgefordert. Ich habe mich an das A.A. gewandt; mein Weg führt neuerdings mit dem Herrn wieder zusammen, der mir einmal einen sehr wichtigen, allerdings negativen Eilbrief geschickt hat. Es ist da ein Mittelsmann aufgetaucht. Aber beide können wohl nicht viel.
Wir reden viel über Reisepläne, finden aber eigentlich nichts. Erst haben wir uns für den Ruhestein erwärmt, der aber mir zu - melancholisch, Sus. zu autolaut erscheint. Dann dachten wir an Friedenweiler, das aber teuer
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| und wenig abwechselnd zu sein scheint. Da wir mit dem Schwarzwald nicht zu einem befriedigenden Ergebnis kamen, sind wir plötzlich, aber durchaus noch nicht definitiv, auf Bad Kohlgrub bei Murnau verfallen. Sollten wir bei dieser Gegend bleiben, so würde ich Dich um Deine Meinung darüber bitten, ob ich lieber nach Heidelberg kommen soll oder ob wir uns stattdessen in Rothenburg treffen könnten. Aber - wie gesagt - es hat noch nichts Fasson; ich bin inaktiv; ich spüre immer Gewitter, die in der Luft liegen. Nur regnet es sich in Deutschland niemals ab.
Brosius wird nun wohl erst um den 3. August bei Dir eintreffen. Er ist ein Unglückswurm; es ist viel in ihm drin, aber man preßt aus ihm nichts heraus. Jedenfalls ist er für meine dauernden Depressionen eher Gift als Heilmittel. Louvaris hat eine ähnliche Frau. Ob sie sich bei Dir melden wird, ist fraglich. Er selbst kommt
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| jedenfalls im Sommer her.
Nun bin ich, obwohl ich den ganzen Tag nichts getan habe, schon wieder so müde, daß es garnicht zu sagen ist. Es wäre sachlich richtiger, aber technisch unmöglich gewesen, doch gleich nach Semesterschluß eine Auffrischung zu suchen. Denn das ist ja nur ein Vegetieren. Übrigens ist Susanne mindestens so verschlafen wie ich. Auch dies ist verständlich. Die Einrichtung im Hause ist falsch. Sie muß viel mit zugreifen (weil die Verwandtschaft versagt); ich habe 1000 kleine Aufträge, und sie möchte doch auch etwas von der Anwesenheit der 3. Schwester haben. Die 3 sind sehr nett miteinander Und solch ein Zusammenhang, wenn er echt ist, hat auch etwas Schönes, das mir gänzlich fremd ist. Ich fühle nur eine Skala von Gefühlen: Ekel, Müdigkeit, Hoffnungslosigkeit, und ich brauche alle Kraft, um -, "oben" zu bleiben. Dazu hilft mir die Aussicht des Wiedersehens mit Dir. Jetzt aber ist völlig à bas Dein innigst grüßender Eduard.