Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Juli 1935 (Berlin)


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22.7.35.
Mein innig Geliebtes!
In die Stille Deines "Verlassenseins" sende ich hier ein paar Kleinigkeiten zum Lesen, mit der Bitte um Rückgabe. Obwohl manches darin tröstlich klingt, ist die Gesamtstimmung doch recht trostlos, zumal da ich nur wenig arbeitsfähig bin und mich nach allen Richtungen hin gelähmt finde.
Der Prospekt von Todtmoos ist recht überzeugend. Vielleicht hätte ich mich früher durch ihn bewegen lassen, obwohl ich mich vor dem Ernst der Schwarzwaldlandschaft fürchte und die Reise bis zum Ziel unbequem finde. Aber wir haben uns nun doch für das Hôtel "Lindenschlößchen" in Kohlgrub entschieden und zum 31.7. abends angemeldet. Man erreicht diesen Ort in 1 Reisetage. 800 m Höhe und Berge von 1500 m werden ja ausreichen. Ich nehme keine Urlaubskarte, sondern
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| komme von Kohlgrub nach Heidelberg und fahre von dort gleich zur Tagung in Weimar.
Heut vor 8 Tagen haben wir mit Bärbel die 4stündige Dampferfahrt Treptow - Alt-Buchhorst gemacht. Der Tag verlief gut, brachte aber eher einen Absturz der Kräfte als Erholung. Nun sind wir mit Frl. Rauhut ganz allein im Hause. Ein Spanier hat uns besucht (ich habe wieder eine Einladung zum Oktober nach Barcelona, die ich ebenso wie die nach Wien ablehnen mußte.) Sonnabend Abend waren Oger und der Weise von Potsdam bis ½ 1 da. Vermutlich lösen wir uns "in Wohlgefallen" auf. Gestern Mittag waren Tomoeda (mein alter japanischer Freund) und Wenke bei uns. Heut Nachm. werden wir, leider bei schlechtem Wetter, mit Seitz u. Glasenapps in Potsdam zusammen sein. Auch Marta Wais, geb. Holl, tauchte gestern auf. Letztere berichtete aus ihrer Gegend zufrieden, obwohl sie nicht blind ist wie viele.
Ob die ewigen Gewitter nun einmal
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| herunterkommen? Ich leide unsagbar darunter und verzehre mich fast.
Wenn Du mit Frau Louvaris in Fühlung kommst, so sorge bitte dafür, daß er und ich sich nicht verfehlen. Ich hatte ihm erst auch vom Schwarzwaldplan geschrieben. Aber er kommt vermutlich auch über München. Dort müssen wir seiner habhaft werden, oder im September in Berlin.
Mögen die Bäder gute Wirkung tun! Ich weiß, wie sie zunächst mitnehmen. Die Absicht, von den Stahlbädern in K. Gebrauch zu machen, habe ich eigentlich nicht. Andere gehen wohlgemut in die Dolomiten; ich bringe dazu die innere Freiheit nicht auf. Die bringe ich überhaupt nicht mehr auf.
Tomoeda war bei Heyses in Königsberg u. erzählte Erstaunliches, wenn nicht Bedenkliches über die Frühreife des Jungen. H.s Buch war gestern im B.T. eigentlich vernichtend rezensiert. Vater und Sohn Hadlich aber schienen ja
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| sehr dafür erwärmt.
Es kommt heut nichts Gescheites mehr in die Feder. Vor der Reise ist noch viel zu erledigen, und es geht langsam. So werde ich wohl nur noch eine Karte schreiben können. Aber in 1 Monat sehen wir uns ja, und dies ist ein Punkt, auf den ich mich freue. Von dem freundlichen Angebot von Kultstätten werde ich allerdings kaum Gebrauch machen.
Innigste Grüße! Susanne grüßt auch herzlich.
Dein
Eduard.

[] Die Gesellschaft für deutsche Erziehungs- u. Schulgeschichte ist nicht zu retten. Das macht mir fortgesetzt Kummer.