Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. September 1935 (Berlin)


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Sonntag, 15.IX.35.
Mein innig Geliebtes!
Dein lieber Brief ist ein schlechter Ersatz für Deine Anwesenheit; aber er beweist wenigstens, daß Du angekommen bist. Hoffentlich ist auch dort so viel Sonne, wie heute hier. Und am Sonntag wird ja die Arbeit noch nicht anfangen.
Wir sind zu Borchardt gefahren, haben ihn aber nicht angetroffen. In dem alten Restaurant am Ende des Parkes haben wir dann Kaffee getrunken. Gestern um 5 sollte Louvaris kommen. Wir haben ihn vergeblich erwartet, und auch heut früh ist noch keine Nachricht da. Was heißt das? In Griechenland sind Schwierigkeiten mit den Italienern. Der Krieg scheint doch unmittelbar vor der Tür zu stehen. Bei uns ist rauschender Jubel, und „wenn man's so hört, mag's ........“
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Ich arbeite nun am laufenden Band. Aber die Grundstimmung ist deprimiert. Haben wir uns auf die falsche Seite gestellt? Aber wir konnten doch eigentlich nicht anders. So lebt man ständig im zerreibenden Konflikt. Es fehlt mir ein Mann, mit dem ich dauernd Austausch haben könnte.
Der medizinische Kongreß in Halle ist in letzter Stunde auch abgesagt worden, weil einige Vorträge weltanschauliche Schwierigkeiten verursacht hätten. Er wird im nächsten Jahr wieder in Marienbad sein. Werden wir überhaupt noch an Kongressen teilnehmen können, die von Ausländern besucht werden? Man verliert schließlich die Lust am Weiterarbeiten.
Es ist sonst ganz still hier; eigentlich unheimlich still, nachdem Dein Platz leer ist. Aber ich bin dankbar für die gemeinsame Zeit, die wir haben durften. Solche Tage sind Besitz, der nicht vergänglich ist. Man nimmt sie mit ins Unbekannte. Und manchmal wäre ich gern schon dort. - Grüße Hermann und die <li. Rand> ganze Familie herzlich. Hoffentlich triffst Du alles wohl und alle Verhältnisse wohltuend. Dein getreuester Eduard.