Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2./3. Oktober 1935 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 2. Oktober 35.
Mein innig Geliebtes!
In Budapest beglückte mich am letzten Tage Dein lieber Kartengruß. Ich konnte nur kurz schreiben, und wenn ich heute mehr schreiben will, so fühle ich gleich im Anfang, daß ich von diesen gehaltvollen Tagen kaum in Stichworten ein annäherndes Bild geben kann, zumal ich wieder, wie meist, in später Stunde schreibe. Du wirst bei Deiner Durchreise hier einige der Insignien sehen; aber den Gefühlston eines solchen ungewöhnlichen Festes kann man schwer festhalten.
Dienstag: 16 Stunden Fahrt; ab Dresden Kollegen im Zuge. In Prag Prof. Otto am Bahnhof. In Budapest unerwartet der B.er Pädagog Prohaska, ein bescheidener Mann aus Kronstadt. Um Mitternacht im Hôtel - Blick auf die dunkle Donau. Die 3 Burgen in Ofen sind bis 11 durch Scheinwerfer scharf markiert herausgehoben.
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Mittwoch: der alte Freund Kemeny im Hôtel, markante Erscheinung, österr. Temperament, in manchem an m. Vater erinnernd. Karten beim Gesandten abgegeben, in der Un. vom Rektor Kornis herzlich empfangen, Besuch einer päd. Bibl. eines ungarischen Lehrerinnenseminars. Mittag in der Familie von K. dann mit Prohaska auf der schönen Margareteninsel (einziger freier Ausflug in 4 Tagen.) Zu Hause ein netter Interviewer. - Empfangsabend. Ich werde in 5 Minuten f. eine Zeitung famos gezeichnet. Viele Bekannte; fatale deutsche Eindrücke. Nachts allein mit ½ Fl. Wein draußen auf der Donauterrasse.
Donnerstag: Treffen in der Aula. Mein alter Klient Frhr. v. Brandenstein, jetzt o. Prof. d. Philos. in Budapest. Große Messe, celebriert vom ungarischen Kardinal, herrl. Musik, wunderbare Bilder. - Mittags ½ 2 Bankett mit Reden, ich in der Umgebung von Prämonstratensern, Benediktinern etc. - Um ½ 8 Galaoper mit charakterist. Proben ungarischer Musik. Um ½ 11 Empfang
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| beim Kultusminister, einem Mann, der mich fasziniert hat, weil er in der Uniform der höchsten Staatsbeamten die Uniform überbot. Gespräch mit dem juristischen Dekan. Um 1 zuhause.
Freitag: Im Frack u. Talar. Zug über die Straße in das Parlament (fabelhafter Bau.) Festsitzung im Kuppelsaal. Berauschendes Bild von Uniformen (Husarentyp) und Talaren [über der Zeile in lat. Buchstaben] Talaren aller Länder. Reichsverweser und Gesamtministerium links. Mitte: Rektor u. Senat. rechts: die Erzherzöge und 3 Kardinäle. Unter vielen Gratulanten überreichte ich die stattliche Adresse unsrer Akademie. - Kaum Zeit zum Umziehen. Um ½ 2 Frühstück beim Gesandten v. Mackensen (Sohn) und Frau (Tochter v. Neurath); mit beiden, besonders mit letzterer, angenehme Unterhaltung. Dann kurze Ruhe, 2 Besuche [über der Zeile] gehabt (alte Schülerin Dr. phil) Prohaska mein Abendgast. Soirée der ungarischen Studenten auf der Höhe von Ofen.
Sonnabend: Promotion der ca 30 Ehrendoktoren buchstäblich aller Länder u. aller 4 Fakultäten in der Aula. Hinter mir
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| saß der Deutsche Gesandte. Nach dem Pastor Lloyd bei meiner Ernennung (rührende Lobsprüche) "stürmische Ovationen." (NB. die politisch stärksten Ovationen galten den Italienern.) Unter den persönlichen Gratulanten waren der sehr eigenartig aussehende junge Erzherzog Joseph Franz ("Meine Frau kennt Ihre Schriften") und seine Frau Erzherzogin Anna, der ich sagen [über der Zeile deutlicher] sagen konnte, daß ich "Untertan" Sr. Majestät des Königs Friedrich August gewesen sei. [über der Zeile] (ihres Vaters.) In dem Riesenkasten des Diploms war allerdings zunächst das für den Franzosen Baldensperger. - Spätes Mittagessen bei v. Brandensteins, recht verhungert. Abschied bei Keménys, schleunigst umziehen, im Talar auf die Burg transportiert, Empfang beim Reichsverweser Horthy. Ich gehörte zu denen, die persönlich vorgestellt wurden. Er sagte mir, sein Sohn sei eben nach Berlin geflogen und berichte, wie "groß" dort alles sei. Nach kurzer Pause ins
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| Nationaltheater, wo die Missa sollemnis v. Beethoven in Gegenwart des Hrn. Horthy und 3er Kardinäle szenisch aufgeführt wurde; auch Herr Jesus Christus trat auf und sprach, eine sehr merkwürdige Sache. - -
Spät zu Haus. Um Mitternacht gepackt - mit vielen Geschenken, darunter - rührend - Krug und Blumen vom Rektor Kornis, aus seinem eignen Garten.
Sonntag: Abfahrt um 7.15 mit vielen Kollegen. In Prag [über der Zeile in lat. Buchstaben] Prag wieder Otto. Ankunft in Berlin nach 23 - mit einem Schlafbedürfnis, das bis heut nicht ganz befriedigt werden konnte. Denn: es war wie im strammsten Dienst; von den Schönheiten Bs habe ich nicht mehr gesehen, als vor 8 Jahren. Für heut Schluß - die Feder will nicht mehr.
Dein
E.

Es ist heut, 3.X., nicht viel Zeit, etwas hinzuzufügen. Montag war ich noch ganz verschlafen. Dienstag ging halb verloren durch doppeltes Dabeisein um 12 und um 8 bei Eröffnung des Volkskundemuseums in Bellevue. Gestern besuchten wir Frau Dr. Morgan aus New-Yorck. Die Arbeit kommt
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| unter diesen Umständen nicht genug weiter, obwohl sich Berge aufgeschichtet haben. Ich hoffe, daß Du bei der ungewohnten Lebensweise Dich doch wohl fühlst. Mir ist mein geringer Kraftzustand verdächtig. Ich werde doch wohl mal zu Kurzrock gehen.
Bitte grüße alle herzlich. Vor allem aber Dir innigste Grüße u. Wünsche von Deinem Eduard.

[] Grüße natürlich auch von Susanne.