Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. Oktober 1935 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 11. Oktober 35.
Mein innig Geliebtes!
Morgen gehe ich wieder auf Reisen; die letzte Abendstunde benutze ich, um Dich zu grüßen. Ich habe Deinen lieben Brief, der mir ein Bild des Kreises in Stolp zeichnet, und ich male mir dies Bild im einzelnen weiter aus. Es ist für Dich lehrreich, einmal Norddeutschland und Süddeutschland zu vergleichen. Ich habe ja nun einmal das Schicksal, überall in der Hauptbeziehung dasselbe zu finden, und zwar mit zunehmender Kräftigkeit.
Die letzten 14 Tage waren arbeitsreich, aber immer noch ferienhaft, mit gelegentlichen Wegen ins nun schon nicht mehr Grüne. Ich habe schon eine Skizze für den Akademievortrag am 14.XI. hingeworfen, viel Leibniz gelesen, alle Mss., die noch hierlagen, bewältigt.
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| Besuch hatten wir von Oger, der in zerrütteten Familienverhältnissen lebt, von Dr. Pintschovius u. Frau, einem Gleichdenker, heute von Dr. Blättner, dgl., Assistent von Flitner. Wir waren am Sonntag kurz in Potsdam. Die letzten Tage habe ich mich viel, obwohl nicht absolut gern, mit Fröbel beschäftigt, der im Gegensatz zu Pestalozzi auf die Dauer nichts Neues hergibt. Ich soll am Sonntag in seinem Geburtsort Oberweißbach (500 m) über das Thema reden: "Natur und Heimat in Fröbels Erziehungswerk." Dort werde ich endlich auch Holzhausen wiedersehen, der das gleiche Schicksal wie Schröder gehabt hat und bisher geschwiegen, nun aber auf m. Appell Hochzeitsgeschenke (!) u. einen lieben Brief gesandt hat. Er ist in Gehren, wo wir ja 2 mal durchgekommen sind. Bei dieser Gelegenheit fällt mir Flesch
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| ein, dessen Brief ich beilege. Der Historiker Ritter schrieb mir, der "Mohr" habe einen heruntergekommenen Eindruck gemacht.
Ich auch!
Der Luftschutz verlangt, daß ich mich 10 Abende je 2 Stunden belernen lasse. Im 17. Jhrhdt hätte man das kürzergemacht unter dem Titel: "Die große Sterbenskunst." - Unser Freund aus Athen gilt bei s. Landsleuten als - großer Anhänger des Neuen bei uns. Dort ist ja nun die Restauration im vollen Gange. Ich habe heute die erste höchsteigenhändige Unterschrift erhalten, im Zshg mit dem Tragen des Erlöserordens.
Ich merke, daß aus meinem Gehirn die Gedanken nur noch langsam tropfen. Ich bin nämlich heut ohne Mittagspause seit 8½ in ständigem Betrieb und wollte Dich nicht ohne Nachricht lassen vor der Fahrt, von der ich vermutlich schon Montag Mittag zurück
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| sein werde. Aber viel Schlaues darfst Du in dieser Stunde nicht erwarten. Denn der Geist ist der Widersacher der Seele, und die Seele ist der Widersacher des Leibes, und der Leib ist der Widersacher der Materie, und ich bin der Widersacher der Arbeit.
Gute Nacht. Grüße alle. Herzlichst und treulichst
Dein
Eduard.

[] Dr. Eckart Jacobi befindet sich mit Lungen- u. Kehlkopftuberkulose, gänzlich unerwartet, in einer Heilanstalt.