Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27. Oktober 1935 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 27. Oktober 1935.
Mein innig Geliebtes!
An meinem langen Schweigen ist nicht nur die mehr und mehr drängende Arbeit schuld, sondern vor allem die wachsende Depression und Hoffnungslosigkeit. Als ich am Mittwoch in Leipzig war, fand ich L. - zum ersten Male - ganz ebenso.
Durch Deine lieben Briefe habe ich mir ein Bild von Deinem Leben in St. gemacht, auch manches hindurchempfunden. Leider hast Du mich nicht an den 80. Geburtstag von Frau Henning erinnert; ich hatte ja keine Adresse. Und wie wirst Du den Vorstand finden? Auch die arme Frau Frommherz, deren Brief ich wieder beizulegen beabsichtige, tut mir leid. Was ist das eigentlich? Hermine schickte Nelken. Ich habe Vorsorge getroffen, daß sie Rat findet, wenn sie etwa in Stellung gehen muß. Frl. Besser auch, die neulich hier war.
Was soll man sonst schreiben? Auf die
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| eigentlichen Themata kann man ja nicht eingehen, das "longum est" der Lateiner ("es würde zu weit führen") ist nur ein Grund. So will ich mich denn auch aufs Erzählen beschränken.
Da ich in Oberweißbach, wo es ganz nett war, mit dem wilden Querkopf Volkelt, Lili Dröscher und vor allem Holzhausen - ein Honorar von 100 M erhalten hatte, haben wir gerade im letzten Moment des Herbstes noch eine Spritzfahrt in den Harz gemacht. Die Sache ist nur teilweise geglückt. Am letzten halben Tag erreichten wir in der Richtung auf Gernrode unser Ziel nicht.
Am Montag war auf der Reise nach Kissingen Heinz Conrad - mein "Schwager" - bei uns. Ein teilweises Vergnügen. "Von dieser Seite sah ich's nie. Am Mittwoch war Arbeitssitzung des Goethevorstandes in Leipzig. Auch da sind akute Gefahren, was mich als Ortsgruppenleiter natürlich auch trifft. Ich sprach außer L. noch den Fritz Friedrich. Semper eadem.
Sonntag waren wir bei der Witwe Jacobi, um uns nach dem Ergehen des Sohnes
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| zu erkundigen. Die Sache sieht sehr gefährlich aus. Auch sonst Trauriges: der Kollege Moog, mit dem ich mich eben angefreundet hatte, ist tödlich verunglückt. Ferner: Vater Seeberg †. Und - man darf es beinahe anreihen: bei Jägers ist ein Mädchen angekommen. Laporte hat schwere Schicksalsschläge. Der Oger hat 3 Prozesse - unkt aber weiter.
Nur ein Erfreuliches: Ich bin wieder aufgefordert, im Reichswehrministerium zu reden. Das macht aber viel Mühe. Vielleicht wird Zeit frei durch das autokratisch verfügte Fortfallen der philosophischen Prüfungen (was aber nebenbei eine Einnahmeminderung von 1000 M bedeutet). Smend ist Knall und Fall (Frist 8 Tage) nach Göttingen versetzt. Das neue Heft der Kantstudien hat H. Heyse mit einem wirren Artikel eröffnet. Der Patient Kantgesellschaft wird sich dadurch schwerlich erholen.
Mit einer Frau v. Alten habe ich 1910 gelegentlich eines Fichtevortrages zu tun gehabt.
Die Vorlesungen beginnen am I.XI. Am 9. Abends sind wir bei Tigges. Am 11. u. 12. sind Staatsprüfungen.V [re. Rand] V am 14. ist mein Akademievortrag. Es wird immer noch ein wenig Spielraum bleiben; aber Genaues verabreden können wir erst später.
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| Viel wird leider nicht herausspringen, denn es ist ein Fünffrontenkampf im Gange: Kantvorlesung, Psychologie der Lebensalter, Schillerübungen, Akademievortrag und Reichswehrvortrag.
Eins habe ich noch vergessen: Am Freitag hat Franz, Oberstudiendirektor aus Harburg, der Preisträger, in der hies. Goethegesellschaft einen passablen Vortrag gehalten. Gestern war er zu Mittag bei uns; Susanne hatte unnötigerweise den - übrigens sympathischen - Sohn (Assessor) dazu geladen. Am Dienstag hat Eberhard König 4 Stunden lang ein Drama vorgelesen, das mir gründlich verfehlt erschien.
Mit diesen unsortierten "Happen" nimm vorlieb. Es ist abscheuliches Wetter. Wir werden heut nur Frau Matejat besuchen. Ich gedenke Deiner, auch wenn ich nicht schreibe. Aber die Seele ist meistens zu bedrückt. "Ich bitte Sie, es hat ja garkeinen Zweck."
Innige Grüße. Ich bitte auch Deine Verwandten zu grüßen. Stets Dein
Eduard.
Gute Reise!