Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. November 1935 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 23. November 35.
Mein innig Geliebtes!
Seit Deiner Abreise von hier habe ich dir garnicht schreiben können, und jetzt weiß ich nicht einmal, ob diese Zeilen Dich in Hofgeismar noch antreffen. Halle liegt hinter Dir - ich danke für Deinen lieben Bericht. In H. triffst Du nun wohl 2 Patienten. Die Tage sind kurz und dunkel; Deine Existenz wird auf das Haus beschränkt sein. Und vermutlich ist die Heimkehr nahe, zu der ich Dir von Herzen Gutes wünsche.
Meine Existenz in der Zwischenzeit war infolge der mindestens 5 Fronten, die meine Arbeit bestimmen, recht angreifend. Der militärische Vortrag hat nach noch sehr sorgfältiger Vorbereitung am Donnerstag stattgefunden. Er ist objektiv so gelungen, wie ich ihn gewollt habe. Ein näheres Band aber hat sich nicht angesponnen, und ob in dem voll besetzten, sehr dankbaren Hause maßgebende Leute waren, ist mir unbekannt. Raeder jedenfalls
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| nicht. Ich schloß auf die Minute, und genau 30 Minuten später stand ich 2 km weiter schon auf einem anderen Katheder, um über die - Psychologie des Säuglings zu sprechen.
Über den Akademievortrag hat mir Seitz nicht weniger als 3 sehr furchtbare Briefe geschrieben; ob ich ihn drucken lasse, ist aber immer noch zweifelhaft. Ich brauche noch mehr konkrete Beispiele.
Die Leibnizausgabe kommt nun nach einer fast 2½ stündigen Konferenz gestern, die mich nötigte, 10 Stunden in der Stadt zu bleiben, so sehr in Gang, daß ein großer Teil meiner Kraft dafür nötig sein wird. Außerdem beginnt die Akademie noch ein neues, vorläufig vertraulich zu behandelndes Unternehmen, das zum größten Teil wieder auf mir liegen wird. So verschiebt sich, notgedrungen und wider m. Willen, mein Schwerpunkt von der immer abscheulicher werdenden Universität fort nach der Akademie hin. Wann wird man auch da anfangen, "zu reformieren"?
Für Persönliches blieb gar keine Zeit. Heut Abend sind wir (mit einem
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| finnischen Dichter) bei Petersens. Morgen Mittag ist Christian eingeladen, um den wir uns 3 Monate nicht gekümmert haben. Wir waren nur auf dem F.W.schen Friedhof und bei Onkel Ernst - 2 Stellen von ihm liegt seit diesem Jahr der gute Pretzel. Louvaris hat geschrieben, warm wie stets, und von Hermine habe ich einen ergreifend schönen Brief. Da ich ihn noch einmal lesen möchte, sende ich ihn erst später.
Es ist seltsam: obwohl der Strom doch ganz um mich herumgeht, und immer mehr fortfällt, ist immer gleich viel zu tun. Vieles geht langsamer; es treten auch immer neue Gedankenmassen auf, die mich beschäftigen, denen ich aber immer nur die Gestalt von Halbfabrikaten geben kann. Das innerliche Hauptgewicht lege ich - noch immer - auf die Vorlesungen, die denn auch ganz ordentlich laufen.
Wie wird es Dir vorkommen, wenn Du nach so langer Zeit wieder in H. bist? Außer Cassel ist nur Freudenstadt eine so lange Tour gewesen. Hoffentlich ist alles in Ordnung, vor allem die nötige Heizung für den Anfang da!
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Ich habe mir eine Liste von 15 Briefen gemacht, die ich heut handschriftlich zu verfassen - mindestens beginnen will. Deshalb kann ich nicht länger mit Dir plaudern. Nur dies wollte ich erwähnen, daß der eigentliche Text des Fröbelbriefes nun gesetzt ist. Es ist ein sehr merkwürdiges Ding, hinter dessen eigentliche Meinung ich noch nicht gekommen bin. Ich bin neugierig, was Du dazu sagen wirst.
Lebe wohl, die Lateiner sagen: vale, das heißt eigentlich bestimmter: sei stark und sei gesund!
Susanne grüßt herzlich.
Ich vermisse Dein Hiersein und bleibe
innigst
Dein
Eduard.