Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. Dezember 1935 (Berlin/Dahlem)


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<Schluss fehlt>
Dahlem, den 13. Dez. 35.
Mein innig Geliebtes!
Morgen - Sonnabend - verlassen Frau Bon und Marja das Haus. Es ist bisher von keiner der beiden Seiten darüber auch nur ein Wort gesprochen worden, und vermutlich wird auch keines gesprochen werden. Denn der Fall ist eigentlich unauflösbar, und Marja, die ihn anscheinend als selbstverständlich nimmt, heiter, wie immer ist, scheint am meisten glücklich zu preisen. Mir ist er nicht nach Wunsch abgelaufen. Ich habe Alexander nie bewundert, weil er den Gordischen Knoten durchhauen hat. Mir wäre es lieber gewesen, wenn alle Beteiligten mit der Aufgabe gerungen hätten. Ich muß die Annahme machen, daß Susanne es nach ihrer Art getan hat. Für mich war es ja viel leichter. Ich bin aber auch mit mir nach keiner Seite hin zufrieden.
Du bist wieder daheim; aber der Knoten ist auch da dicker geworden. Hier
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| bitte ich Dich aber, an die Entwicklung in Klösterli zu denken. Diese spätesten Stadien darf man nicht mehr auf das Wesenskonto setzen. Natürlich müssen sie realiter ausgehalten werden. Aber die Zuspitzung (natürlich alter, bleibender) Wesenszüge sind der ethischen Person doch nicht mehr zurechenbar. - Zumal heut, wo sich nur ganz Starke zurechtfinden.
Mein Bericht muß relativ weit zurückgreifen. Freienwalde, bei schönem Wetter zwischen 2 kritischen Tagen mit abenteuerlich tiefem Barometerstand war eine gelungene, trotz allem etwas kurze Cäsur im Semester. Sonst war natürlich nur Arbeit mit den üblichen schweren Schwellen, über die man jetzt hinwegmuß. Gottlob kann ich berichten, daß in beiden Vorlesungen sich eine große, vielleicht die größte Hörerzahl meiner Fakultät, unverändert erhalten hat. Der Herr B. hat seltsame Themenwechsel vollzogen, an denen nicht nur ich herumrätsele, offenbar wieder ohne Erfolg. Was er über das M.A. gesagt hat, hat wohl auch in Euren Zeitungen
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| gestanden. Eine billige Methode, Aufsehen zu erregen. Unter den Ministerkandidaten wird auch Kr. genannt. Man hört aber auch andere Namen, die alle unmöglich sind.
Der Froschteich in Dahlem ist voller Unken; scheußlich zu hören. Er friert aber jetzt zu. Andererseits konstatiere ich als Landmann, daß Engerlinge an die Oberfläche kommen, die auf andres Wetter deuten.
In diesem Zusammenhang erwähne ich den Besuch von Adelheid, für eine halbe Stunde. Du wirst wohl wissen, daß in O.Pr. jemand nicht mehr ist, der da war. Aber das andre weiß niemand genau. Summierung der Engerlinge aber gibt zu denken.
Meinen militärischen Vortrag wollte man für den Druck haben, und ich habe ihn nun auch ausgearbeitet. Aber der nähere Zweck ist noch unbestimmt.
Die außenpolit. Situation ist verworrener als je. Ich habe aber heut festgestellt, daß die Frankfurterin darüber klarer und vollständiger berichtet, als z.B. B.T.
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Magna peccatrix: ich habe nicht gesammelt.
Die Nachbarn Müller sind gestern ausgezogen.
Wir haben, wie es nun einmal ist, uns durch eine Einladung revanchieren müssen, und der große Akt hat vorgestern stattgefunden. Verhindert waren Frankes u. Lietzmanns. Anwesend waren schließlich bei ausgezeichnet [über der Zeile] (nicht billigem) funktionierendem Apparat: Onckens, Schumachers, Petersens, Frau u. Frl. v. Glasenapp, Dr. Kayser (Amsterdamer Verbindung) Haralambides (erfolgreicher Berliner Doktor), Frau Holl, Tigges, Ogrowsky, - u. natürlich wir 2 = 15, mehr als beabsichtigt. Aber wir haben die Technik der Ersatzbeschaffung noch nicht heraus.
Die persönlichen Schwierigkeiten bei der Leibnizausgabe u. Kantausgabe fordern viel Zeit, ohne zu guten Resultaten zu führen. Im Grunde kommt nichts weiter, auch weil "oben" immer andre Leute sind. Verdruß ist auch in der Ortsgruppe der Goethegesellschaft, obwohl ich dem letzten "Familienabend" etwas Färbung geben konnte. 18 Leute, darunter sogar Georg Bock, hatte ich mitgebracht. Ich saß dann angenagelt zwischen Frau Schmidt-
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|Köhne
(82) und Frau v. Bunsen (76), welch letztere ich über Euer Bunsenhaus interpellierte.
Seitz, der mir 4 nützliche Briefe geschrieben hat, fährt "über Weihnachten" nach Kamerun. Frau Witting klagt über den verrückt gewordenen Onkel u. über Fs trauriges Schicksal, schreibt aber selbst immer sehr klar. Margarete Thümmel trafen wir bei Fehners, die die Verbindung in vornehmer Weise fortführen.
Wenn man das so zusammenfassend erzählt, sieht es nach viel Unternehmungen aus. Aber das sind ja nur zwischengeschobene Dinge. Es ist in diesem Semester zum 1. Mal so, daß die laufende Arbeit einigermaßen zu schaffen ist (weil doch vor Weihnachten ca 40 Prüfungen fortfallen, abgesehen davon, daß alle Sitzungen fortfallen; das macht schon etwas aus.) Aber Spielraum für Eignes wird im Semester nie bleiben. Franke propagiert die japanische Sache; ich stehe ihr noch sehr zurückhaltend gegenüber. Susanne hat fast mehr zu tun als ich, ist mit bisher gutem Erfolg¹) [Fuß] Belladonnamedikament. bei Kurzrock gewesen (bei dieser
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| Gelegenheit habe ich eine schreckliche Viertelstunde durchgemacht. Denn von der Sprechstunde, die um ½ 5 begann, kam sie erst um ½ 9 zurück.) Sie kämpft nach allen Seiten und hat sicher ihre Nöte. Aber sie wird der Dinge mit Ruhe Herr, wo ich allerhand Nervenproben durchmache), und sie gewinnt sich die Herzen, die nicht nach Schein und Glanz fragen.
Beide gehen wir nach wie vor liebend gern zum Zahnarzt.
Aus Prag war jemand da, der den nahen Untergang prophezeite, ein sonst ordentlicher Mann. Die Genehmigung für Österreich habe ich vom Innenministerium (d. h. Erlaß der 1000 M); das scheint eine große Vortragsreise zu werden.
Über Weihnachtspläne möchte ich mich vorläufig noch ausschweigen. Ich muß erst mal Kassenrevision machen. Wenn aber, so habe ich mich mit dem Gedanken Friedrichroda aus praktischen Gründen am nächsten beschäftigt.