Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26. Dezember 1935 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, 26.XII.35.
Mein innig Geliebtes!
"Vorsorglich" muß ich Dich über die Situation hier unterrichten, damit Du bei etwaigen Störungen unsrer Pläne nicht durch Unkenntnis mehr beunruhigt wirst, als nötig ist. Susanne geht es nicht gut. Sie hat sich am Heiligen Abend merklich elend gefühlt. Die Ursachen sind, wie immer bei solchen Zuständen, einigermaßen gehäuft. Meine Diagnose war gleich diese: Kurzrock hat ihr wegen der Verdauungsgeschichten etwas Belladonnaartiges verordnet. S.s Klagen über Augenstörungen brachten mich darauf, daß eine Art von Belladonnavergiftung vorliege. Dies traf mit der regula zusammen und erklärt das Mißbefinden genug. Dazu kamen seelische Faktoren, die ich besser beurteilen kann als sie: Am 11.XII. die gut bewältigte "große" Gesellschaft; Am 14.XII. der Fortgang der
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| Frau Bon, unter unschönen Formen, die Marja am 23.XII. abrichtungsgemäß wiederholte. Das neue, sehr ordentliche Mädchen mußte "angelernt" werden. Die ganzen Weihnachtseinkäufe mußten von ihr vorbereitet werden. Was das für Nerven kostet, weiß ich aus der Zeit, wo ich allein für die fröhliche - selige Zeit zu sorgen hatte. Sie hat nichts davon gesagt, vielleicht auch nicht gespürt; nur im Verein mit dem anderen wog es schwer. Endlich aber kam dazu am 18.XII. eine zeitgemäße Aufregung [über der Zeile] x., die auch mich bewegt, aber hier nicht mitzuteilen ist. Auch Du sollst da nichts Konkretes befürchten. Es ist die alte Geschichte: "In Berlin oder wo, hat ein Mauerer oder wer u.s.w." Wenn nun so etwas kommt, dann kommt natürlich auch der japanische Fisch. Und nun denke den Kreislauf vom Physischen zum Seelischen und wieder zurück, - und das ist es. Wir
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| müssen natürlich auch mal gründlich die Verdauungssache behandeln. Als K. mir Jod verschrieb, hatte er durchaus recht, aber ich vertrug es nicht. So mußte ich es lassen, und alles ging vorüber.
Wir hatten heut 3 Leute hier, wie Du weißt. Das war unter den obwaltenden Umständen vielleicht zu viel. Und morgen kommt Frl. Geppert zu Mittag. Nachm. sollen wir bei Frankes sein. Ich weiß heut Abend nicht, ob das geht. Fieber ist nicht, aber wohl zu viel Blutverlust; daher kalter Körper und bleiches Aussehen.
Alles ist nicht so ungewöhnlich; aber wenn man reisen will, fragt man sich, ob man reisen kann. Deshalb diese Vororientierung. Ich reise nicht, wenn ich das Gefühl habe, daß ich nur nicht gestört werden soll. Das wirst Du begreifen.
Das oben erwähnte x. ist auch nicht größer, als es jetzt jeden Tag kommen kann. x ist ja das, was unsre Person fordert und [über der Zeile] was sie soll. Das muß auch S. aushalten und tut es tapfer.
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Falls ich mich morgen früh entschließe, diese Zeilen abzusenden, so geschieht es nur, damit Du weißt, was ein etwaiges Telegramm bedeutet, und nicht im Dunkeln tastest. Nimm also unsre Verabredung ein bißchen hypothetisch. S. wird allesaufbieten, damit ich reise. Du verstehst aber, daß ich nicht reise, wenn ich dieses Gefühl habe.
Nun aber noch innigen Dank für alle bedeutungsvollen, schönen Gaben. Jede ist in der Tiefe empfunden. Jede beweist mir, "was nicht zu beweisen ist" - unsre unendliche Gemeinschaft, die über alle Worte ist. "Wenn ich Dich nur habe, wenn Du mein nur bist" - das heißt: der Glaube siegt. Und so grüße ich dich heut - "vorsorglich"
Innigst Dein
Eduard.

[li. Rand] Merkwürdiger Brief des Erwachens von Heinz. Ähnliche auffallende Symptome v. Adelheid.