Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8. März 1935 (Heidelberg)


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Heidelberg. 8. März 1935.
Mein geliebtes Herz!
Es ist in der Zeit der Katastrophen mal wieder eine kritische Epoche allererster Ordnung. Wie schnell ist das Wetter umgeschlagen nach der Predigt des Familienvaters über das Thema: Glaube, Liebe, Hoffnung. Es geht eben nicht ausschließlich mit Gefühl. - Am nächsten Sonntag ist Confirmation von Inge und ich wäre gern hingekommen, schon um einmal wieder über alles reden zu können. Aber ich glaube, wir wären einig. Heut will ich mich lieber auf das ganz Persönliche beschränken, das, abgesehen vom Befinden des Vorstands, das keine sonderlichen Fortschritte macht, viel Gutes aufzuweisen hat. Ich lebe das alles mit besonderer Intensität und wachem Bewußtsein. Mit Deiner Pestalozzi-Analyse habe ich mich eingehend beschäftigt, soweit man das ohne Kenntnis des Originals kann. Es ist schön, wie klar Du aus den verwirrenden Unklarheiten seiner Theorien den roten Faden seines Wesens: die gläubige, helfende Liebe heraushebst, einer Liebe, die an die schöpferische Kraft im Menschen glaubt: nicht etwas Fremdes aufpfropfen, sondern das Tiefste, Eigenste voll entfalten will.
Die "Fischerfrau von der Nehrung" könnte man beinah als ein Beispiel für diesen Glauben ansehen. Ich habe das Buch mit lebhafter Anteilnahme gelesen, es hat trotz mancher Breite sehr fesselnde Schilderungen. Und gerade eine gewisse Monotonie und stereotype
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| Wiederkehr der Worte scheint mir Natur und Menschen jener armen, an Stürmen reichen Gegend gut zu schildern. - Dabei fällt mir ein, daß ich Dir niemals erzählte, daß ich an dem Buch von Wilh. v. Scholz eigentlich den Titel am schönsten finde. Inhaltlich ist es recht bescheiden.
Dagegen stehe ich noch immer unter dem Bann von Kolbenheyers Drama. Ich glaube, Du schätzest ihn weniger. Ich habe auch vom Parazelsus teilweise großen Eindruck gehabt, so wenig mir der Mann hier bei seinem Vortrag persönlich gefiel. Für mich hat alles, was er als Künstler schafft, etwas ungemein Lebensvolles und Wahres. Die Mannheimer Aufführungen sind aber auch ganz besonders fein.
Am vorigen Sonntag war es recht frühlingsmäßig, und ich ging mit Frl. Seidel von Handschuhsheim bei warmer Sonne nach der Strahlenburg, wo wir zu Mittag aßen (75 <altes Pfenningszeichen>!), und wieder zurück. - Der Kaffee am Tag vorher war besonders gemütlich und alle sehr befriedigt. Du weißt, das merkt man selbst am meistens, ob es klappte. - Und dann kam der Fastnachts-Dienstag, von dem dir die Karte meldete. Auch das war etwas Besonderes. Erst ging die Fahrt bis Neckarhausen und dann die Wanderung durchs Finsterbachtal, wie wir sie auch zusammen machten. Dann steigt der Weg und man spürte die kältere Luft und Frost am Boden. An feuchten Holzstücken fanden wir wunderbare Eiskristalle, so wie die
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| Eisblumen oft am Fenster wachsen, aber frei in die Luft gebildet wie Federn, gekraust und zart. Dann fanden wir die ersten Blütenknospen, die später im Warmen rasch zu gelben Blüten sich öffneten und als Huflattich entpuppten. - Bei Kohlers wurden wir freudig empfangen und es war schon ein munteres Maskentreiben der Kinder im Dorf. Sie gehen dort einzeln oder zu mehreren von Haus zu Haus als "Fassebootse" und bekommen da Gebäck oder ein paar Pfennige. Das klingelte beim Lehrer natürlich immerzu. Aber auch die Kohlerkinder gingen auf Raub aus und die Kleine als deutscher Michel erbeutete 53 <altes Pfenningszeichen> zum Neid der andern. Das Wort „Bootz“ (oder wie mans schreiben soll) heißt so viel wie Butz oder Gnom oder Waldgeist. Und mit solchem alten Märchenglauben hat ja auch das Fastnachtsrad zu tun. Es stellt die Sonne dar, die über die Felder geht und in dem großen Feuer wird der Winter verbrannt. Die Schulkinder sammeln wochenlang zu dem Holzstoß und erbitten dann bei einem Bauern Fuhrwerk, um es an Ort und Stelle zu bringen. Auf dem Felde an einem Abhang wird es kunstvoll geschichtet, so daß man es von unten her anzünden kann, ohne daß es einstürzt. Es sah wundervoll am Abend aus, wenn die Flammen empor züngelten und in dem weißen Rauch Milliarden von goldnen Fünkchen blitzten, denn von dem Tannenreisig
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| fliegen all die feinen Nadeln glühend in die Luft. An dem Feuer werden [über der Zeile] von den Kindern und jungen Leuten dann Fackeln entzündet, das sind Eichenstäbe, ziemlich dick, geschält und gehämmert bis sie ganz zerfassert sind. Die muß man schwingen, damit eine Flamme brennt, sonst verlöschen sie gleich wieder und da ist im Nuh das ganze Feld wie mit Irrlichtern übersät(, die durcheinander laufen, dazwischen und vor dem Feuer die dunklen Silhouetten der Erwachsenen - es sind phantastische und sehr malerische Bilder. - Wenn die Fackeln verbrannt sind kommt das Rad an die Reihe, das ist auf ein altes Wagenrad geflochten, eine dicke Walze von Stroh, durch die ein ganz langer dünner Stamm gezogen wird, an dem es junge Burschen den Berg hinunter führen. Je länger es brennt, desto mehr wird es zum glühenden Ball und auf seinem Wege bleibt eine Funkenspur. Alles wandert ihm nach, bis es verbrannt ist und dann gehts ins Dorf zurück und bei dem Holzstoß bleibt nur eine Feuerwache, denn der brennt stundenlang, und seine Größe ist der Stolz des Dorfes. Alle machen da mit und freuen sich.
Im Lehrershaus hatte ich wieder dieselben wohltuenden Eindrücke, wenn auch diesmal allerlei fremdes Volk dazu kam und die persönliche Unterhaltung einschränkte. Die Schule hat 67 Schulkinder und Kohler ist der einzige Lehrer. Das ist eine
<Schluss fehlt>