Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26. April 1935 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 26. April 1935.
Mein geliebtes Herz!
Über den Freitag-Abenden schwebt ein Unstern. Ich hatte mich so aufs Schreiben gefreut und nun fühle ich mich garnicht gut. Man hat in den letzten paar Tagen wieder so abscheulich frieren müssen! - Dafür war es zu Ostern umso schöner. Eine rechte Osterfreude hast Du mir mit dem Buch über Sipplingen gemacht. Du weißt ja, für diese versunkene Welt habe ich von je großes Interesse, und hier sieht man in eine ganz exakte, gründliche Forschung hinein. Ob wir wohl bei dem Kasten im See ahnungslos vorbeikamen? Habe Dank, daß du mir diesen Frühlingsgruß schicktest.
Es ist gut, sich mit solchen Dingen zu beschäftigen, um vom Alltag abgelenkt zu sein. Denn der Barometerstand ist mal wieder auf Sturm, und der Druck weicht überhaupt nicht mehr. Sehr liebe Eindrücke hatte ich am zweiten Ostertag in Schönbrunn. Die Bildchen sollen Dir die Menschen zeigen, mit denen ich dort war. : das Ehepaar mit den Kindern auf der Haustreppe und die ganze Ostergesellschaft am Blick nach dem Dilsberg, den wir ja schon lange kennen. Ich war morgens nach
[2]
|gekommen, Rösel kam mir ins Finsterbachtal entgegen. Die Leutchen alle würden Dir auch gefallen, die drei Männer sind Lehrer, alle wie sie da sitzen eines Sinnes, klug und klar. Man fühlt sich wohl in solchem Kreise. - Rösel hatte mir verheißen, es würde noch jemand aus Heidelberg kommen, mit dem ich abends zurück könnte. Das war aber nicht der Fall und so ließ ich mich überreden, dort zu bleiben! Es ist dort oben immer für mich, wie eine schönere Welt, man fühlt so die einfachen, gesunden Verhältnisse, die nicht so rasch aus den Angeln zu heben sind. Wie sehr dachte ich auch an die Reichenau, als ich am Morgen aus dem Walde trat und die wellige Hochebene sich im Frühlingsduft vor mit ausbreitete. Unwillkürlich suchte ich nach dem See - - - Seltsam war auch die Nacht mit ihrer absoluten Stille und dem ununterbrochenen Rauschen der Wasser. Es waren schöne, weltvergessene Stunden voll Deingedenkens.
Die Einlagen Deines lieben Briefes werde ich ja nun wohl endlich zurückerstatten müssen. Über den Vortrag „Das Klassische“ etc. habe ich noch einen Bericht gelesen, der mir sehr gefiel und der mehr von der inneren Wärme wiedergibt. Er stand in der D.A.Z. und ist von dem schon bekannten Fritz Böhme. - Ich lege auch einen der Rundbriefe bei, die ich in ihrer Berichterstattung
[3]
| regelmäßig lese. Über das Dogmatische decke ich den Mantel der Liebe - und hoffe, man läßt mir von der andern Seite das Gleiche widerfahren. Ja, es wäre gut, wenn wir uns mal darüber aussprechen könnten. Denn es ist wohl natürlich, daß mir manchmal Zweifel kommen, wenn ich mir die "Mitglieder" genau ansehe. Und doch bin ich mit ehrlichem Gefühl dabei. Wir würden wenigstens nicht aneinander vorbeireden!
Seit gestern ist nun der Vorstand auf dem Kümmelbacher Hof. Das Zimmer im ersten Stock nach vorn mit Balkon gefällt ihr sehr, aber wenn es weiter so unerschöpflich gießt, dann wird sie kaum ins Freie können. Aber sie hat am Fenster eine chaise-longue, da kann sie liegen und lesen und dazwischen in die schöne Gegend gucken. - Für die Menschen ist Nässe und Temperatur unerfreulich, für die Obstblüte kann es verhängnisvoll sein. Rührend ist mir die Nachtigall am Gaisberg, die ich allmählich höre und die selbst in den letzten Nächten jede Unterbrechung der Regengüsse eifrig ausnützte.
Wenn doch auch ich die Zeit so benützen würde! Es ist in mir eine so große Müdigkeit, alles geht mir langsam von der Hand. Wenn ich nachdenke, habe ich ein Gefühl, als hätte man sich in einem Spinnennetz gefangen, dessen Fäden sich immer enger um jede Bewegung legen.
[4]
|
Du schreibst von der scheinbar abgeschnittenen Vergangenheit; das ist sicher richtig, und doch auch nicht. Denn das innere Leben bleibt dasselbe, mir wenigstens, und immer wieder findet man unerwaretetes Verständnis. Es ist sogar, als ob der Druck der Zeit nur umso offener und aufschlußfähiger machte. -
Warum lehne ich innerlich diese "neue Religion" ab, die angeblich das Ethos des Christentums bewahren und nur die dogmatische Spaltung überwinden will? Es wäre doch eigentlich gerade das, was man s. Z. selbst erstrebte? Es ist eben kein religiöses Streben dabei, sondern lediglich ein organisierender Machtwille. Ach, wohin steuern wir?
Sei mir innig gegrüßt und habe Dank für Dein liebes, ausführliches Schreiben, das mich immer so treu ansieht und mir wohltut.
Deine
Käthe.